Anpassungsleistungen und Verhaltensmuster in der Krippe

von Gisela Geist

Ich möchte Sie gerne sensibilisieren für Verhaltensweisen bei Kleinkindern in der Krippe – denn da liegen oft die Ursachen für spätere Verhaltensstörungen oder seelische und körperliche Symptome.

Eine kurze Wiederholung aus der Bindungsforschung:
Eine sichere Bindung in den ersten Lebensjahren ist die Voraussetzung für eine möglichst gute Entwicklung.
Bindung ist ein emotionales Band zu ganz bestimmten Bindungspersonen, die nicht beliebig austauschbar sind. Sie sind in den ersten 3-4 Lebensjahren auf wenige, möglichst verlässliche, feinfühlige Erwachsene beschränkt. 
Die Bindungsbeziehungen haben eine bestimmte Rangordnung für Kleinkinder (Bindungspyramide): bei der wichtigsten, vertrautesten fühlen sie sich am sichersten und können sich am besten von ihr trösten/beruhigen lassen. Werden sie in Problemsituationen sich selbst überlassen, werden die Kleinen von Ihren Emotionen und Bedürfnissen noch geradezu überwältigt, was größte Frustration und Stress auslösen kann. 
Gefühls- und Stress-Regulation von Seiten einer vertrauten Bindungsperson brauchen Kinder in den ersten Jahren auch damit sie selbst ihre Gefühle kennen- und annehmen lernen, um sie später allmählich selbst regulieren zu können. In den ersten Lebensjahren sind sie daher abhängig von verlässlichen, zugewandten, liebevollen Bindungspersonen als Grundlage für eine möglichst positive, stabile Selbst-Erfahrung und Autonomieentwicklung. 

Kinder können unglaubliche Anpassungsleistungen erbringen, auch was die Autonomieentwicklungbetrifft. Doch dies hat seinen Preis. 
Und Erziehung zur Selbstständigkeit scheint derzeit von Anfang an das höchste Erziehungsziel zu sein.

Wenn Kleinkinder in ihrem Bedürfnis nach Bindung und liebevoller Zuwendung fortlaufend frustriert werden versuchen sie notgedrungen, selbständig zurechtzukommen. Das kann der Fall sein aufgrund der Trennung von den primären Bindungspersonen – naturgemäß Mutter und Vater – und in der Krippe aufgrund der häufigen Erzieher-Wechsel und der zu vielen Kinder die auf eine Erzieherin kommen.

Sie suchen dann weniger die Nähe oder Hilfe beim Erwachsenen, zeigen z.B. weniger ihre Gefühle und passen sich tlw. stärker an die Erwartungen der Erwachsenen an. 
Sie ersparen sich dadurch noch mehr Frustration und Stress. 
Da sie selbst in den ersten 3 LJ. ihren Stress jedoch noch keinesfalls selbst regulieren können, sind sie diesem innerlich selbst in hohem Maße ausgeliefert.

Manche bemühen sich durch Anpassung um mehr Zuwendung: 
Das gibt angepasste, leistungsorientierte  Kinder – und schließlich Erwachsene.
Es fehlt ihnen dann aber das Grundgefühl, um ihrer selbst willen wahrgenommen und geliebt zu werden. Das kann eine tiefe Selbstwertproblematik verursachen und langfristig (lebenslang) der Grund sein für krankhaft narzisstische oder depressive Störungen sowie für Probleme wie Angst- Selbstwert- und Beziehungs- Störungen.

Solch eine verfrühte „Selbstständigkeit“ beeinträchtigt von Grund auf den Zugang zu sich selbst und zu den eigenen Emotionen/Gefühlen/Bedürfnissen (diese werden dann zurückgehalten bzw. verdrängt) und damit auch die Fähigkeit, sie später selbst wahrzunehmen und zu regulieren (mangelndes Emotions- und Stress-Regulations-Vermögen). Ebenso beeinträchtigt dies den Zugang zum Gefühlsleben anderer Menschen (mangelnde Empathiefähigkeit). So werden früh die sozialen Funktionen gestört (Bsp: ausrasten, aggressive Übergriffe, Panik, Unruhe, fehlende Konzentration…)
Eine solche frühe Störung der sozialen Funktionen ist später kaum zugänglich bzw. therapierbar.

Häufig werden solche verfrühten Anpassungsleistungen erst einmal als Erfolg – und Fortschritt in der Autonomieentwicklung interpretiert. 
Denn wenn sich ein Kind 
a) sehr anpasst
b) weniger seine Gefühle zeigt und sich 
c) weniger Hilfe oder Trost bei Erwachsenen holt 
ist das erst einmal einfacher für die Erwachsenen! 
Häufige Interpretation:
Das Kind ist unproblematisch und gut eingewöhnt in der Krippe/Kita. 
Ein solches Verhalten wird von ErzieherInnen gerne gesehen!

In ihrem späteren Leben sind solche Menschen oft abgespalten von ihrer Gefühlswelt. Das kann sich in Härte oder Gefühlskälte zeigen. Oder aber sie sind vergeblich darum bemüht, ihre frühen Mangel-­ Erfahrungen an Zugehörigkeit, Fürsorge oder Selbstbestätigung nachzuholen. Denn was entwicklungsgemäß nicht befriedigt wird, dem jagt man meist sein ganzes Leben lang -vergeblich- hinterher.

Was steckt hinter den Worten: „Kinder brauchen Kinder“ in diesem frühen Alter? Damit wird ja gerne für die Krippenbetreuung geworben.
Manchmal wird von Eltern berichtet:
„mein Kind freut sich so auf die Kinder in der Krippe, es geht gerne!“   – so deren Interpretation
Auch das bedeutet eine verfrühten Anpassungs- bzw. Autonomie-Leistung!
In den heutigen Krippen/Kitas, die gezeichnet sind vom Personalmangel und häufigen Betreuerwechsel, wenden die Kleinen ihre Orientierung notgedrungen von den Erwachsenen ab und den Kindern zu – denn sie sind angewiesen auf Nähe – und Bindung ist ein Grundbedürfnis! 
(Aber Kleinkinder können sich ihre Bedürfnisse und Erregungen gegenseitig noch nicht regulieren, dazu brauchen sie einen reifen Erwachsenen!)

Durch die verfrühte Gleichaltrigen-Orientierung entsteht eine verstärkte Abhängigkeit der Kinder untereinander – auch das wird von Erziehern meist gerne gesehen, weil es sie entlastet. 
Interpretationen sind oft: das Kind ist sozial, gut integriert und selbstständig. 
Es ist aber ebenso ein problematisches Verhaltensmuster, das seine Folgen hat: 
Diese Abhängigkeit untereinander setzt sich fort ins Kindergarten- Schul- und Jugendalter. Die Kinder leiden dann umso mehr unter den wechselhaften, unreifen Beziehungen zwischen den Gleichaltrigen. 
(Ich habe mehrere solcher Kinder in meiner Praxis)

Dabei agieren sie auch Ihre eigenen Trennungserfahrungen und ihre Mangelerfahrung an Mitgefühl gegenseitig aus und zeigen daher untereinander oft erschreckend wenig Mitgefühl und Empathie.
– da kann man einen Zusammenhang sehen mit dem um sich greifenden Mobbing
(Literatur: der soziale Klimawandel von Rainer Böhm, ebenfalls auf dieser Website unter „wissenschaftliche Grundlagen)

Dass sich die Kinder schon so früh weniger an Erwachsenen orientieren, hat u.a. auch Folgen für die Erziehung zu Hause:
Sie hören nicht auf die Eltern. 
und später in der Schule glänzen sie durch Respektlosigkeit. 
Denn Erziehung bedarf der Beziehung
(Literatur: Jesper Juul: „Beziehung statt Erziehung.“ und „Unsere Kinder brauchen uns“ von Gordon Neufeld)

Häufig sind die Folgen beim kleinen Kind noch nicht offensichtlich, denn Kinder haben eben enorme Fähigkeiten, sich anzupassen, auch wenn sie innerlich in Not sind und unter Stress stehen.
Und frühkindlicher Stress entsteht z.B. durch unangemessene Trennungserfahrungen und mangelnde emotionale und Stress-Regulation. 

Das sog. Glücks- oder Bindungshormon Oxytocin aber ist der Gegenspieler zum Stresshormon Cortisol. Es wird z.B. ausgeschüttet bei liebevoller Zuwendung und Berührung. 

Je nach Veranlagung zeigen die Kleinen oft ganz unterschiedliche, ja gegensätzliche Reaktionen auf Entbehrungen. Hier einige weitere Beispiele für auffälliges Verhalten in der Krippe oder zu Hause:

  • verstärktes Bindungsverhalten wie Klammern/Trennungsängste – z.T. über Jahre (Verschiedene Angststörungen können so veranlagt werden) 
  • dagegen: abgeschwächtes Bindungsverhalten, wie die Eltern ignorieren, nicht auf sie hören, davonlaufen beim Abholen von der Kita, nicht mit nach Hause wollen. Das sind Anzeichen für ein vermeidendes, also gestörtes  Bindungsverhalten. 
    Häufige Interpretation von Eltern oder Erzieherinnen:
    das Kind gehe so gerne in die Kita.
  • Manche Kinder können fremd/vertraut nicht mehr recht unterscheiden. Sie sind dann oft distanzlos und bemühen sich wahllos um Nähe und Zuwendung – auch eine Bindungsstörung. 
    Interpretationen sind oft:
    das Kind sei frei, vertrauensvoll, selbstbewusst.
  • verstärktes Trotzverhalten (Verweigerungshaltung) 
    häufige Interpretation: es habe einen besonders starken Willen
  • dagegen: besonders angepasstes Verhalten – siehe oben – also abgeschwächtes Trotzverhalten, denn verunsicherte Kinder zeigen weniger ihre Gefühle.
    Häufige Interpretation:  Das Kind sei ausgeglichener, da es so für Eltern u. Erzieher vorerst angenehmer ist. 
  • Manche Kinder reagieren mit Schlaf- oder Essstörungen, mit allgemeiner Unzufriedenheit, viel weinen, quengeln, sie lachen oft nicht mehr. Das können Hinweise auf emotionale Störungen und Stress sein.
    Solche und ähnliche Verhaltensweisen werden i.d.R. nicht mit der Krippenbetreuung in Zusammenhang gebracht.
  • Selbst bei Eltern, die gut beziehungsfähig sind oder wären, spielen sich dann häufig negative Beziehungsmuster mit ihren Kleinkindern ein.

    In der Krippe kann man beispielsweise wahrnehmen:
  • Viel Weinen oder aber (schließlich)Verstummen,  
  • Für sensible ErzieherInnen ist es oft sehr belastend, wenn sie die schmerzlichen Gefühle der Kleinkinder in der Krippe wahrnehmen. 
    Den Eltern wird in der Regel nichts, oder nicht ausreichend darüber berichtet. Die ErzieherInnen würden dabei ihren eigenen Beruf in Frage stellen oder würden Schwierigkeiten mit der Leitung bekommen.
    Dabei wäre es so wichtig, beispielsweisen den Eltern ihre Wahrnehmung mitzuteilen, dass ihr Kind mehr Zuwendung gebraucht hätte, dass sie es aber leider nicht leisten konnten bei den vielen Kindern… 
    Solche Offenheit wäre Voraussetzung für eine gute Erziehungs-Partnerschaft! Und dafür, dass bessere Bedingungen für Eltern, Kinder und ErzieherInnen geschaffen würden! 

    Weitere Reaktionen:
  • gesteigerte Aktivität: Kinder sind unruhig, aggressiv, rennen herum, zerstören Dinge 
  • dagegen: reduzierte Aktivität: sie ziehen sich zurück oder stehen z.B. verloren herum, oft mit leerem Blick.
  • Bei solchen Kindern wurde eine besonders hohe Stressbelastung nachgewiesen, sie bräuchten also besonders Trost und Zuwendung! nicht etwa Strafe (die aggressiven) oder keine Beachtung (die stillen), weil diese ja wenigstens nicht stören!  

Als Verhaltensstörungen werden die zum Teil stillen, nach innen genommenen (internalisierten) Verhaltensmuster in den ersten 3 Lebensjahren selten erkannt – eher die externalisierten (aggressiven, besonders unruhigen und unangepassten, im Widerstand befangenen). Später kann jedoch beides gleichermaßen Ursache sein für verschiedenste Verhaltensauffälligkeiten und seelische oder körperliche Symptome.

Die Reaktionen der Kinder auf Entbehrungen und Überforderung sind subtil und sehr unterschiedlich, ja, gegensätzlich je nach Charakter der Kinder.
Sie zeigen sich meist nur dem achtsamen, geschulten Blick und wie deutlich wurde, sind die wahren Hintergründe nicht leicht zu erkennen. Teilweise können solche Symptome durch familiäre oder andere Faktoren bestimmt sein, auf die Krippenbetreuung jedoch werden sie im Allgemeinen nicht zurückgeführt.