Familien in Zeiten von Corona

„Mama, ist heute wieder so ein Urlaubstag wie gestern?“

Beitrag von Andrea Tichy, selbst betroffene Mutter

Heute hat mich ein Brief beschäftigt. Der Brief einer Mutter an ihr Kind in Zeiten von Corona. Er wurde von einer Journalistin von Edition F veröffentlicht und fand in den Sozialen Medien viel Zuspruch. Emotional und berührend sei er, man habe geweint dabei. „Du schreibst mir aus der Seele“, „Genauso geht es mir auch.“ schrieben einige Leserinnen.

Worum geht es in dem Brief? Ich lasse mal das Original sprechen, hier einige Auszüge:
„Mein liebes Kind, unser Leben hat sich verändert in den vergangenen Tagen. Du siehst bisher vor allem die Vorteile. Endlich länger schlafen. Mehr Zeit mit Mama und Papa. Mehr Netflix. Chips zum Frühstück. Ich habe all meine selbst auferlegten Regeln gebrochen. Mir ist gerade alles egal. Hauptsache, Deine Laune bleibt gut. Ich mache das, weil meine Laune gerade richtig schlecht ist. Aber es ist noch mehr, es ist nicht nur eine Laune. Es ist riesengroßer Weltschmerz. (….) Denn ich bin einfach nur traurig. Ich bin traurig, wenn ich an unseren Sommer denke. So sehr hatte ich mich darauf gefreut, mit Dir schwimmen zu gehen. (…) Kein Sommer ohne Schwimmbad. Kein Sommer ohne Eiscafé. In diesem Jahr wird das anders. (…). Und es bricht mir das Herz. Nicht für mich, sondern für Dich. Ich wünsche Dir die beste aller Kindheiten. Unbeschwertheit, Freude, Freiheit. Gerade spüre ich nichts davon. Ich spüre Anspannung, Stress, Sorgen. (…) Ich habe mir ein anderes Leben für dich gewünscht“. https://editionf.com/leben-mit-der-corona-krise-brief-an-mein-kind/

Momentan befindet sich unsere Gesellschaft durch die Corona-Krise in einem Ausnahmezustand von ungewisser Dauer. Ich möchte diesen Zustand weder verharmlosen, noch bewerten, wie Menschen damit umgehen. Für manche steht die Angst vor dem Virus selbst im Vordergrund, vor allem für die Risikogruppen, aber auch für jene, die ungeschützt andere in diesen Zeiten betreuen oder pflegen, in den Kitas, in den Altenheimen, in den Krankenhäusern. Manche machen sich Sorgen, welche sozialen und psychologischen Folgen dieser totale „Lock Down“ für die Gesellschaft haben könnte. Für zunehmend mehr Menschen geht es schlichtweg, je länger die Krise anhält, ums existenzielle Überleben. Und für manche psychisch belastete Familie kann die erzwungene soziale Isolation zum Problem werden, welches sich z.B. in einer Zunahme häuslicher Gewalt zeigt.

Neben den Ängsten und u.U. existenziellen Sorgen hat sich für viele „normale“ Familien in den letzten zwei Wochen die Alltagssituation komplett verändert. Viele von uns sind gerade einer Dreifach-Belastung aus Job im Home-Office, Kinderbetreuung, Homeschooling und Haushalt ausgesetzt. Das ist nicht leicht! Und die Politik – aber das nur nebenbei bemerkt, denn dies soll kein politischer Text werden – lässt uns damit bislang relativ allein. Also müssen wir das alles irgendwie selbst hinkriegen und das ist erstmal eine Organisations-Herausforderung, die man auf keinen Fall unterschätzen kann.

Für viele Familien ist die momentane Situation ungewöhnlich. Sie sind plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen. Auf einmal gibt es keine institutionelle Betreuung mehr für die Kinder. Keine Kitas, keine Horte, keine Nachmittags-Kurse, keine organisierten Freizeitaktivitäten.

Für viele Familien ist das Neuland. Man ist es nicht – mehr – gewohnt, so viel Zeit miteinander zu verbringen. Man ist es nicht gewohnt, dass die Tage nicht durchorganisiert sind, dass man sich die Aktivitäten mit den Kindern jetzt selbst überlegen muss, dass es keine organisierten „Bespaßungs-Angebote“ mehr gibt. Keine „Play-Dates“ nachmittags.

NUR Familienzeit.

Die spannende Frage ist: Wie gehen die Familien mit der Situation um?

Da hört man Verschiedenes. Überforderndes, aber auch Erstaunliches.

Manche klagen über die Last, jetzt alles übernehmen zu müssen, sogar noch Lehrer spielen zu müssen, was sicherlich nicht einfach ist. Anderen fällt nach einer Woche die Decke auf den Kopf, sie wissen nicht, wie sie ihre Kinder beschäftigen sollen. Sie haben viele Ängste und Unsicherheiten, dass sie etwas „falsch“ machen könnten. Dass die Kinder sich langweilen könnten, dass sie ihnen nicht die Freunde ersetzen können. Einige sehen eine „unbeschwerte Kindheit“ ihrer Kinder in Gefahr, wie jene anfangs erwähnte Mutter und Journalistin.

Tatsächlich gibt es aber auch einen Anteil an Stimmen und der ist gar nicht mal so vereinzelt und gar nicht mal so leise. Der sagt, man solle die neue Alltagssituation in der Familie nicht zu dramatisch zu sehen. Man solle versuchen, für die Kinder und als Familie das Beste daraus zu machen, solle vor allem auch das Positive sehen. Und dieser Teil der Eltern, meistens sind es faktisch die Mütter, sagt Sätze wie diese: „Ich bin so froh um die notgedrungene Entschleunigung“ „Ich bin so froh, dass wir als Familie keinen Freizeitstress mehr haben“ „Ich genieße es, meine Kinder bei mir zu haben und sie genießen es auch sehr“ „Die Kinder machen die Situation erstaunlich gut mit“.

Und vielleicht ist es so: Um diesen momentanen Ausnahme-Zustand AUCH als Chance innerhalb der Familie begreifen zu können, lohnt es sich, gerade jetzt die Kinder-Perspektive zu übernehmen. Wie sehen die Kinder diese Zeit momentan? Was sagen die, die schon reden können, dazu? Wie verhalten sie sich? Auch und gerade die Kleineren.

Natürlich gibt es Situationen, in denen Kinder genervt oder gelangweilt sind, weil beide Elternteile – leider – bislang „nebenbei“ noch arbeiten müssen oder andere Dinge im Haushalt zu erledigen haben. Aber das gab es in einem gewissen Rahmen auch vor Corona schon. Und es gab auch vorher schon etliche Kindheitsexperten, die sagen: Langeweile bei Kindern ist sogar etwas Gutes! Es fördert die Kreativität. Das ist für die kindliche (Hirn-) Entwicklung besser als diese Dauer-Bespaßung, von der wir leider zu oft glauben, dass sie unseren Kindern guttut und dass sie genau dies brauchen würden.

Natürlich gibt es auch Situationen, in denen Kinder ihre Spielkameraden vermissen. Den Größeren kann man die Situation ja schon gut und kindgerecht erklären. Wichtig ist dabei aber auch, zu sagen, dass diese Situation vorübergehen wird, so dass keine evtl. irrationalen erwachsenen Ängste und Sorgen übertragen werden („Ob wir jemals wieder zur Normalität zurückkehren“). Die Größeren können auch mit ihren Freunden telefonieren, skypen, chatten und was es da noch so alles gibt. Und die Kleineren? Ihnen tut meistens das entschleunigte Leben zu Hause gut, sie freuen sich, dass Mama und Papa da sind. Und falls sie wirklich einmal traurig sein sollten wegen ihrer fehlenden Spielkameraden hilft: Schnell ablenken und etwas Schönes mit ihnen machen, z.B. ein Buch vorlesen.

Zu bemerken ist auch, dass viele Familien auf einmal außerordentlich kreativ werden, was das Aufrechterhalten von sozialen Kontakten über andere Möglichkeiten und Kanäle anbelangt. Da hört man, dass Fotos und Fotogeschichten gemacht werden und diese an die Großeltern oder Freunde verschickt werden. Es werden wieder Briefe geschrieben. Es wird gebastelt und das Gebastelte wird dann Freunden vor die Tür gelegt. Da werden Skype und Zoom genutzt und mit den Großeltern abends Sandmann per Video Telefonie angeguckt. Da hört man, wie sich neue Formen des sozialen Umgangs etablieren, die auf Dauer zwar den persönlichen Umgang nicht ersetzen können, in dieser Zeit jedoch eine neue Nähe im Sozialen schaffen können – trotz Digitalisierung oder in diesem Fall eben genau WEGEN dieser Möglichkeiten.

Wenn man in die Natur, zum Spazieren geht, trifft man meistens auf entspannt wirkende Kinder und entschleunigte Erwachsene. Diese tummeln sich zwar nicht mehr in Horden auf Outdoor- oder in Indoor-Spielplätzen, aber machen Dinge, die viele von uns sicherlich noch aus ihrer eigenen Kindheit kennen: Mit der Familie Fahrrad fahren, spazieren gehen, in den Wald gehen und Drachen steigen lassen. Und dabei sehen alle eigentlich relativ zufrieden aus.

Was die ganz Kleinen (0-2jährigen) angelangt: In meinem beruflichen Kontext höre ich von therapeutischer Seite, dass Patientinnen mit Babys und Kleinkindern jetzt überrascht feststellen, dass ihre Kinder ausgeglichener werden. Dass zum Beispiel die Schrei- und Schlafstörungen abnehmen, seit die Krippen geschlossen sind. Seit der allgemeine Stress, die durchgetakteten Tage, der Freizeitstress aufgehört haben. Dass viele Babys und Kleinkinder jetzt entspannter sind und die Eltern dadurch auch. Trotz der Belastungen, alles gleichzeitig zu Hause machen zu müssen.

Wenn man die Kinder selbst fragt, wie in den letzten Tagen öfter schon im Fernsehen geschehen, hört man Erstaunliches. Da ist das Beispiel eines Schuljungen, ca. 9 oder 10 Jahre alt. Er ist jetzt zu Hause, macht Homeschooling. Der Reporter fragt: „Wie ist das denn jetzt für dich, hier zu Hause lernen zu müssen? Das ist ja schon etwas ganz anderes?“ Der Junge sagt: „Ich habe jetzt viel weniger Zeitdruck, kann alles in Ruhe fertig machen. Ich werde auch nicht ständig von anderen Kindern abgelenkt wie in der Schule“ Der Reporter sagt ein wenig belustigt: „Das klingt ja fast, als würdest Du Homeschooling gut finden?“ Der Junge antwortet, sichtlich begeistert: „Ja, ich finde das sehr gut, am liebsten würde ich das immer so machen“

Mütter schreiben in den Sozialen Medien: „Wir genießen dieses Mehr an Familienzeit. Wer weiß wann wir das nochmal haben.“ Manche schreiben, dass sie entspannter sind als in den Monaten zuvor. Der ganze Zeitdruck entfalle. Es gäbe jetzt mehr soziale Kontakte mit der Kernfamilie, weniger Unnötiges. Kein Timing, wann dieses oder jenes fertig sein soll. Man hört Sätze wie „Wenn‘s läuft, dann läuft‘s und wenn nicht, ist es auch ok. Einfach da sein im Moment!“ „Es ist nicht schlimm, wenn etwas liegen bleibt und die Kinder nicht andauernd Programm haben.“ Die Leichtigkeit im Alltag wäre zurückgekommen, schreiben einige sogar, „Kein Müssen“, dafür viel kuscheln, spielen, vorlesen, basteln und viel Verständnis. Eine Mutter meint sogar: „Ich liebe diese Entschleunigung. Vielleicht sollten mehr Menschen das jetzt einfach mal aus diesem Blickwinkel betrachten.“

Eine andere Mutter berichtet über ihre Kinder: „Meine beiden – 2,5 und 5,5 – fragen jeden Morgen ganz erwartungsvoll: „Mama, ist heut wieder so ein Urlaubstag? So wie gestern? Mit viel Spielen und nirgends hin müssen? Biiittee, gestern war’s so schön, wir wollen das noch ganz lange! Die sind total entspannt und zufrieden.“

So möchte man der Verfasserin des Textes bei Edition F und anderen Eltern, die Zweifel aufgrund der momentanen Situation haben und sich fragen, ob das alles gut für ihre Kinder sei, ob sie nichts vermissen, ob die Eltern nicht zu wenig Kontakt sind für die Kinder, bestärken und ihnen sagen: Guckt Euch Eure Kinder an. Guckt sie euch genau an. Wirken sie oft verzweifelt, traurig, verunsichert? Oder seid Ihr es, die Ihr Zweifel habt, traurig und verunsichert seid? Seid Ihr es, für die die Situation ungewohnt ist, während sich Eure Kinder vielleicht schon daran gewöhnt haben und es sogar gar nicht mal schlecht finden, so wie es gerade ist? Sind es Eure Kinder oder Ihr, die Angst haben, jemand könnte sich langweilen oder dass Ihr ihnen vielleicht nicht das „bieten“ könnt, was eine Kita kann? Ist es einfach so, dass sie manchmal ein wenig zurückstecken müssen, wenn Ihr arbeitet oder mit dem Haushalt beschäftigt seid? Aber sie sich zum größten Teil sehr über Eure Anwesenheit freuen und es genießen, dass sie Euch jetzt mehr sehen als vorher?

Vielen Kindern scheint die erzwungene Entschleunigung gut zu tun. Vielleicht haben wir sie vorher überfordert mit unserem gehetzten Leben im Vereinbarkeits-Modus, mit unserem atemlosen Durch-Die-Tage-Rasen, von der Abgabe bis zum hastigen Abholen von der Kita oder Schule, bevor dann schon wieder die nächsten Termine anstanden. Vielleicht haben wir sie auch manchmal gestresst mit unserer Durchplanung der Nachmittage mit „Play-Dates“, Musik- und Förderkursen, Englisch-Kursen schon für 4-jährige und ähnlichem. Vielleicht lohnt es sich, gerade jetzt den Blick einmal dort hinzuwenden, in diesem erzwungenen Stillstand. Vielleicht ist – gerade für unsere Kinder – manchmal weniger mehr. Und vielleicht ist unser gehetztes Erwachsenen-Leben für sie oft nicht das, was sie eigentlich brauchen oder sich selbst wünschen würden.

Eine glückliche Kindheit entsteht nicht durch möglichst viel Action, Kurse, Attraktionen, Gruppen-Bespaßung oder ständige sogenannte Förderung. Eine glückliche Kindheit haben Kinder meistens genau dann, wenn sie spüren, dass ihre Eltern, die, die ihnen am nächsten und am wichtigsten sind, da sind. Einfach da sind und ihnen zeigen, dass sie sie lieben. Dass sie willkommen sind. Da braucht es dann nicht viel mehr, vor allem für die Kleinsten. So einfach gestrickt sind die Kinder, so genügsam. Und so weise. Denn ist nicht genau das das Wesentliche im Leben? Und vielleicht ist das, was man sich als Eltern als „die beste aller Kindheiten“ für sein Kind vorstellt, nicht immer das, was ein Kind wirklich braucht oder sich im Innersten wünscht. Da hilft der Blick auf das eigene Kind. Vielleicht könnte sich die Verfasserin das, was sie an ihrem Kind wahrnimmt, selbst mehr zu Herzen nehmen. Denn sie schreibt: „Du siehst bisher vor allem die Vorteile. Mehr Zeit mit Mama und Papa.“

Wäre es nicht schön, wenn viele Eltern diesbezüglich mit einer positiven inneren Haltung durch die Corona-Zeit gehen könnten? Ihre Kinder und ihre Bedürfnisse nach Nähe wahrnehmen könnten? Und selbst auch einfach mal – in der von außen auferlegten Reduktion unseres gewohnten Lebens – sich fallenlassen und sagen könnten: Ja, es ist gerade nicht einfach, aber AUCH schön, dass wir die Zeit und die Nähe für unsere Liebsten haben und spüren können, wie dankbar unsere Kinder sind. Dafür, dass wir einfach nur präsent sind.

Unbenommen der Belastung durch die Unsicherheiten der momentanen Zeit mit allen ihren Herausforderungen: Lasst es uns auch als Chance sehen. Lasst uns wahrnehmen und erspüren, wie es sich anfühlt, mehr Zeit, weniger Tempo und mehr intensive Kontakte zu denen zu haben, die wir am meisten lieben. Vielleicht sind wir überrascht, wie gut sich das anfühlen kann!