novum-Verlag, Mai 2026
(Rezension von Dr. med. Dorothea Asensio)
„Ziel der Politik der Bundesregierung ist, die Entscheidung junger Menschen für Kinder zu erleichtern und die wirtschaftliche Stabilität von Familien vor allem durch eigene Erwerbstätigkeit zu stärken“
Dieses Zitat aus der Stellungnahme der Bundesregierung zum 7. Familienbericht von 2006 ist der Ausgangspunkt des Autors für eine intensive Auseinandersetzung mit den weitreichenden Folgen der sogenannten „nachhaltigen Familienpolitik“ , die seit 2007 mit der Einführung des Elterngelds für (nur) 12 Monate begonnen hat und mit der massiven Förderung der Krippenbetreuung zu einer Verlagerung der Betreuung von Kindern unter 3 Jahren (U-3-Kinder) aus den Familien in die Krippenbetreuung geführt hat.
Diese Entwicklung findet breite gesellschaftliche Akzeptanz, und der rasante Anstieg der Nachfrage von Eltern nach einem Krippenplatz scheint die Annahme zu unterstützen, dass diese Entwicklung positiv sei.
Doch von Anfang an macht der Autor deutlich, dass dieser Trend das Kindeswohl in diesem jungen Alter vernachlässigt. Zahllose Mütter kleinster Kinder geraten unter enormen Druck, einer außerhäuslichen Erwerbstätigkeit nachzugehen und sehen sich mit den Herausforderungen der vieldiskutierten Vereinbarkeit von Beruf und den Bedürfnissen ihrer Kinder konfrontiert. Das Angebot der Krippenbetreuung ist für die jungen Familien weniger eine Chance sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Die Entscheidungsfreiheit der Eltern, ob sie ihr U-3-Kind selber betreuen oder in fremde Hände geben wollen, ist also stark eingeschränkt. Dabei wird den Eltern in der Regel verschwiegen, dass zu frühe und zu lange Gruppenbetreuung deutliche Risiken für ein gesundes Aufwachsen des Kindes mit sich bringt.
Diese Risiken werden deutlich erhöht, wenn die Qualität der U-3-Gruppenbetreuung nicht den Empfehlungen der Wissenschaft entspricht. Deswegen behandelt der Autor eingehend die wissenschaftlichen Richtwerte zur Betreuungsqualität bei der U3-Fremdbetreuung. Diese Richtwerte beinhalten den Personalschlüssel und die Fachkraft-Kind-Relation, die allerdings von verschiedenen Wissenschaftlern uneinheitlich definiert werden. Die politischen Entscheidungsträger halten sich leider bei den Ausführungsbedingungen aus finanziellen Gründen und aus Mangel an Fachkräften an die weniger anspruchsvollen Qualitätskriterien und selbst diese werden viel zu oft aus vielerlei Gründen nicht erfüllt.
Das hat gravierende Folgen:
1. Bereits im Kleinkindalter sind diese Kinder -abhängig von der Qualität der Fremdbetreuung- öfter unglücklich, zeigen öfter aggressives und konflikthaftes Verhalten, haben weniger Sozialkompetenz und sind weniger kooperationsfähig. Später im Jugendalter zeigt sich vermehrtes Problemverhalten wie z. B. Drogenkonsum und Straffälligkeit,
2. Beim Fachpersonal kommt es zu Überforderungen und zu zahlreichen Ausfallzeiten.
Die Politik antwortet immer wieder mit neuen Gesetzen wie z.B. „Das gute Kita-Gesetz“, die mit neuerlichen Finanzspritzen für die Fremdbetreuung unterfüttert werden. Aber mit Geld kann die Politik den fehlenden Nachwuchs an Fachkräften auch nicht herbeizaubern, und so bleibt die prekäre Qualität der institutionellen Frühbetreuung und vor allem der Krippenbetreuung ein Dauerzustand.
Für die Kinder unter 3 Jahren aber bleibt selbst bei bester Qualität die Frage bestehen, ab welchem Alter überhaupt eine Gruppenbetreuung förderlich ist und für wie viele Stunden pro Tag eine Trennung von der Hauptbezugsperson verantwortbar ist.
Damit ist das umfangreiche Thema der frühkindlichen Bindung angesprochen. Die seit 1950 entwickelte Bindungswissenschaft wird vom Autor von verschiedensten Seiten beleuchtet.
Stichwortartig erwähnt er die wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten einschließlich der Stressforschung bei U-3-Kindern in Gruppenbetreuung und er führt immer eindringlicher in die Frage ein, warum die klaren Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, der Bindungswissenschaft, der frühkindlichen Stressforschung, der Kinder- und Jugendpsychotherapie, und der Frühpädagogik in Politik und Öffentlichkeit weitgehend ignoriert werden.
Das Elterngeld, das nach 12 Monaten endet, setzt Fehlanreize, das den Eltern einsuggeriert, jetzt sei es an der Zeit, das Kind in Fremdbetreuung abzugeben, damit beide Eltern erwerbstätig sein können.
Der im Jahr 2013 eingeführte Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem Alter von einem Jahr, den die Kommunen umsetzen müssen, hat zusätzlich künstliche Bedarfe an Krippenplätzen erzeugt. Aber dieser Anspruch war aus Personalknappheit von vornherein unerfüllbar, und er entspricht nicht dem, was den Kindern guttut. Diese Politik folgt nicht den Bedürfnissen der Kinder und ihrer Familien, sondern den Interessen der Wirtschaft an genügend Arbeitskräften und einem falsch verstandenen Feminismus, der die Erwerbstätigkeit der Frau höher bewertet als Mutterschaft und die deshalb erforderliche Familienarbeit.
Es werden zahlreiche ernstzunehmende, mahnende Stimmen zitiert, aber ein Echo in Politik und Medien ist nicht zu vernehmen oder sie werden als einseitig abgetan.
Nach den Ausführungen über die zum Teil dramatische Lage der frühkindlichen Kita-Betreuung, insbesondere der Krippenbetreuung, stellt der Autor die Frage nach der Rechtmäßigkeit der aktuellen Familienpolitik. Er geht sehr detailliert darauf ein, wie diese Politik im eklatanten Widerspruch steht zu den Grundlagen unseres Rechtssystems. Angefangen beim
Artikel 6 des Grundgesetzes, das den „besonderen staatlichen Schutz von Ehe und Familie sowie das natürliche Recht und die Pflicht der Eltern zur Kindererziehung“ garantiert,
wird auf einschlägige Rechtsvorschriften im
BGB (Bürgerlichen Gesetzbuch)
StGB (Strafgesetzbuch) SGB (Sozialgesetzbuch)
UN-KRK (UN-Kinderrechtskonvention) eingegangen.
Zitate aus mehreren früheren Urteilen des Bundesverfassungsgerichts untermauern die Wider sprüchlichkeit der jetzigen Familienförderung mit den Ansprüchen unseres Rechtsstaats.
In Bezug auf alle diese Aussagen der Gesetzeslage wird der Autor sehr deutlich. Er geht so weit zu fragen, ob die Fehlanreize und die mangelhafte Information der Eltern über die Risiken einer zu frühen und zu langen Gruppenbetreuung nicht den Bereich einer strukturellen Misshandlung berühren und strafrechtlich relevant sind. Nicht einmal die Erwartungen der Politik, dass durch die „nachhaltige Familienpolitik“ jungen Menschen die Entscheidung zu einem Kind erleichtert wird, haben sich erfüllt. Die Geburtenrate pro Frau ist nach anfänglichem leichten Anstieg auf dem gleich niedrigen Niveau von 1,35 Kindern je Frau wie vor der Einführung des Elterngelds und der Krippenoffensive.
Alle Politiker, Beamte oder Angestellte die verantwortlich sind für die Krippenbetreuung, sollten dieses Buch gelesen haben.
Allen Fachkräften in der Frühpädagogik gibt es Auskunft darüber, welche Stolpersteine zwangsläufig auf dem Gebiet der Krippenbetreuung zu erwarten sind. Dieses Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer für das Wohlergehen unserer Kleinsten und ihrer Familien und somit der gesamten Gesellschaft. Ein flammender Appell an die Politik, endlich die wahren Bedürfnisse der Kinder und ihrer Familien wahrzunehmen.
Dr. med. Dorothea Asensio
Kinder- und Jugendärztin i.R.