Kinder brauchen Kinder

von Gisela Geist

Kleine Kinder freuen sich meist über ihresgleichen, Spielzeiten und Begegnungen mit anderen Kindern können anregende Erfahrungen sein. Es können sich auch schon deutliche Sympathien entwickeln.

Die achtsame und liebevolle Begleitung einer vertrauten Bezugsperson ist als sicherer Rückhalt für das kleine Kind dabei noch wichtig. Sind dagegen die Kleinen weitgehend sich selbst überlassen, wenn sie sich mit ihren unreifen Emotionen und Bedürfnissen begegnen, sind sie häufig überfordert. Denn sie haben z.B. noch kein Gefühl dafür, was es für ein anderes Kind bedeuten kann, wenn sie ihm beispielsweise ein Spielzeug wegnehmen, es umstoßen, beißen, oder sich auch nur von ihm abwenden.
Denn ein Kind unter 3 Jahren ist noch in der Phase der Identitätsentwicklung. Hier geht es in erster Linie um die Entwicklung und Erfahrung seines „Selbst“. Es ist dabei naturgemäß noch ganz auf seine eigenen Empfindungen und Vorstellungen fixiert, denn es ist ja gerade dabei, sich erst einmal selbst zu erfahren. Es ist daher noch ganz egoistisch. In der Psychologie spricht man vom entwicklungsgemäßen, gesunden „primären Narzissmus“. Das Kleine kann sich noch nicht in eine andere Position hineinversetzen. Daher ist es auch noch nicht sozial. Gleichaltrige werden folglich tendenziell als Konkurrenten erlebt.
Statt Mitgefühl mit anderen wird es selbst angesteckt von deren Gefühlen und statt echtem zusammen spielen gibt es teilweise paralleles spielen.

Wenn sich die Kinder weitgehend selbst überlassen sind, wie in der Krippe, gilt bei Konflikten untereinander das Recht des Stärkeren, er setzt sich durch und nimmt z.B. dem andern das Spielzeug weg, dasjenige muss sich notgedrungen damit abfinden und lernt dabei Unterwerfung.
Nennen wir das „soziales Lernen“?
Manchmal wird von Eltern berichtet: „mein Kind freut sich so auf die Kinder in der Krippe, es geht da gerne hin!“
Kinder arrangieren sich, sie passen sich an und machen das Beste draus!
Ihre Orientierung wendet sich notgedrungen von den Erwachsenen ab und den Kindern zu, denn sie sind angewiesen auf Nähe.
Dadurch entsteht eine verstärkte Abhängigkeit der Kinder untereinander, was Auswirkungen hat für die weitere soziale Entwicklung. Im Kindergarten-, Schul- und Jugendalter leiden sie dann umso mehr unter den wechselhaften, unreifen Beziehungen unter den Gleichaltrigen.
Außerdem agieren sie das unbewusst an anderen aus, was ihnen selbst widerfahren ist. Aufgrund von eigenen Trennungserfahrungen und  Mangel an Mitgefühl grenzen sie sich verstärkt gegenseitig aus.
Das um sich greifende Mobbing kann auch in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Die Basis von späterer „Sozialkompetenz“ sind dagegen in den ersten drei Lebensjahren Beziehungen  zu wenigen vertrauten, zuverlässigen und einfühlsamen, reifen Bindungspersonen (siehe auch: Kindliche Grund- und Bindungsbedürfnisse). So  können die Kleinen anfangs am besten mit ihren Eltern, als den zumeist vertrautesten Menschen sich selbst kennen lernen, indem sie sich verstanden und angenommen fühlen. So können sie ein gesundes Selbstwertgefühl aufbauen. Sie selbst sind ihren Emotionen und Bedürfnissen noch hilflos ausgeliefert, was emotionalen Stress bedeutet. Mit  Erwachsenen  können sie Trost und emotionale Stabilisierung erfahren. Mit ihnen können sie zunehmend lernen, wie angemessen mit Gefühlen umgegangen werden kann. Denn der Umgang mit ihnen selbst wird zum Modell dafür, wie sie später mit anderen umgehen werden.
So können die Grundlagen eines guten sozialen Umgangs gelernt werden.
Von Gleichaltrigen können sie das nicht lernen.

Phasenweise fühlen sich die Kleinen gestresst durch Gleichaltrige. Darauf sollte man, wenn möglich Rücksicht nehmen .
Angemessene Spielsituationen können teilweise kleine Eltern-Kind-Gruppen oder Treffen im privaten Rahmen sein.  Das sind ganz andere Situationen als die übliche, wechselhafte Krippen-Gruppensituation, wo die Kinder über einige Stunden oder gar den ganzen Tag mit einer Fülle von Eindrücken und Begegnungen konfrontiert und dabei weitgehend auf sich selbst gestellt sind (siehe auch:  zur Situation in Krippen). Für die Verarbeitung der vielen Eindrücke, die Regulation ihrer Emotionen und die Selbstbehauptung in der Gruppe sind sie noch nicht reif.

Wie sich in vielen zuverlässigen Untersuchungen und Forschungen darstellt, entstehen durch die Krippenbetreuung daher häufig Stress, Überforderung und tendenziell langfristige Schwächen im Sozialverhalten neben anderen Störungen, wie z.B. emotionalen und Konzentrations- Störungen.

Erst mit ca. 3-4 Jahren beginnen Kinder über Einfühlungsvermögen und Kooperationsbereitschaft zu verfügen, vorausgesetzt, dass entsprechend mit ihnen umgegangen wurde. In diesem Alter kommen sie ins sogenannte „Spielalter“ und eigenständige Beziehungen zu anderen Kindern sind angemessen und werden immer wichtiger.

Wenn sich die Kleinkinder aus Mangel an verlässlich verfügbaren erwachsenen Bindungspersonen schon früh und verstärkt an Kindern orientieren, kann die natürliche Orientierung am Erwachsenen verloren gehen.
Das hat u.a. auch Folgen für die Erziehung zu Hause (sie hören nicht auf die Eltern) und später in der Schule (Respektlosigkeit gegenüber den Lehrern).
Denn Erziehung bedarf der Beziehung.
(Jesper Juul: „Beziehung statt Erziehung.“)
(Literatur: „Unsere Kinder brauchen uns“ von Gordon Neufeld)

In der Peergroup herrscht dann das Recht des Stärkeren mit Mangel an sozialer Kultur wie Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Kooperationsbereitschaft, was eben nur von reifen Erwachsenen gelernt werden kann.