Stresshormon Cortisol und Neurobiologie

Ergebnisse von Studien zum Stresshormon Cortisol und Erkenntnisse der Neurobiologie

Autor: Gisela Geist

So widersprüchlich viele Studien im Allgemeinen sind, so haben sie tendenziell die gleichen Aussagen, wenn sie die objektiv erfassbaren Messungen des Stresshormons Cortisol anwenden. Die Konzentration des Cortisol kann einfach über den Speichel (mit einem Wattestäbchen) gemessen werden.

Die Aufgabe des Cortisol ist es, die Wachheit und Aufmerksamkeit zu erhöhen, um schwierige Situationen zu meistern und um bei Bedarf das Immunsystem zu mobilisieren.

Im Stress-Regulationssystem ist das „Glückshormon“ Oxytocin der Gegenspieler zum Cortisol. Oxytocin wird ausgeschüttet z. B. bei guten Bindungserfahrungen und liebevollem Körperkontakt.

Die Neurobiologin Nicole Strüber prägte im Stern-Interview am 8.12.16 das Schlagwort: „Bindung rein – Stress raus.“

In vielen Studien (z. B. USA, Niederlande, Österreich, Deutschland, Australien) zeigte sich Folgendes:

Krippenkinder weisen in den ersten Wochen der Betreuung um 75 bis 100 Prozent höhere Cortisolwerte auf als zu Hause. Sie sind auch nach fünf Monaten noch um durchschnittlich ein Drittel erhöht (1,2,3).

Im Gegensatz zu familiär betreuten Kindern, deren Cortisol-Level morgens am höchsten ist und sich während des Tages allmählich abbaut, steigt der Cortisol- Level der Kleinkinder in Gruppen-Fremdbetreuung im Laufe des Tages ständig weiter an. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Kinder immer mehr unter Stress geraten (1,2,3,5).
Die Werte liegen weit jenseits der milden und punktuellen Aktivierung des Stresssystems, die als entwicklungsfördernd gelten. Sie entsprechen vielmehr den Cortisol-Verläufen eines Managers mit extremer Berufsbelastung (4).

Nach fünf Monaten durchschnittlicher Krippenbetreuung zeigt sich durch die dauerhafte Aktivierung des Stresssystems eine Erschöpfungsreaktion: der Cortisolspiegel senkt sich insgesamt ab. Bei unter Zweijährigen zeigt sich diese Erschöpfungsreaktion sogar schon nach zweieinhalb Monaten. „Kinder, vor allem solche, die jünger als 25 Lebensmonate sind, zeigen mit fortschreitender Krippenbetreuung zunehmend niedrigere morgendliche Cortisolwerte, die das Tagesprofil abflachen. Die Stressverarbeitung verläuft ungünstig“. Zitiert nach: http://www.fr-online.de/wissenschaft/stress-in-der-krippe/-/1472788/4712362/-/22.06.2011 Frankfurter Rundschau (1,2,4,6).

Eine sichere Bindung zur ErzieherIn kann bestenfalls den Cortisolanstieg am Krippenbeginn abfedern. Lediglich zwei bis vier Monate später zeigt sich ein entsprechend ungünstiges Stressverhalten.

Ob die Kinder ursprünglich sicher oder unsicher gebunden sind, spielt ebenfalls nur eine geringe Rolle bei der Stressbelastung (1,6).

Die Qualität der Krippe hat unter drei Jahren nur einen geringen Einfluss auf den kindlichen Stress (8, 11,4). In diesem Alter scheint die Stressbelastung hauptsächlich an der Krippensituation an sich zu liegen.
Einen gewissen Einfluss haben beispielsweise Gruppengröße und Betreuungsschlüssel auf das Ausmaß der Stressbelastung, vor allem aber die Betreuungsdauer (2,16).

Früher Stress hat langfristige Folgen. Nach früher und umfangreicher Krippenbetreuung kann ein abgesenkter Cortisolspiegel noch bei 15-jährigen Jugendlichen (im erniedrigten morgendlichen Cortisolwert) nachgewiesen werden. Sie entsprechen in etwa den Werten, die bei Jugendlichen gemessen wurden, die als Kleinkinder vernachlässigt wurden (7,4).
Weitere Ergebnisse:

Bei den Ein- bis Dreijährigen wird der stärkste Cortisolanstieg über den Tag festgestellt (5).
Erst mit drei bis fünf Jahren wirkt sich gute Qualität der Kita deutlich auf den Cortisolverlauf der Kinder aus.
Aber auch Kinder von drei bis fünf Jahren zeigen bei nicht optimaler Kita-Betreuung ungünstige Cortisolwerte.
Auch noch über Dreijährigen wird Halbtagsbetreuung empfohlen, da bei Ganztagesbetreuung der Cortisolspiegel in diesem Alter auch bei guter Betreuung ungünstig verläuft (13).
Erst die Fünfjährigen zeigen keine Stressreaktionen mehr (bei guter Kita-Qualität) aufgrund ganztägiger Gruppenbetreuung (5, 10).
Bei Halbtagsbetreuung verhalten sich die Cortisolwerte insgesamt günstiger (1,5,6).
Was bedeutet es, wenn kleinen Kindern übermäßiger Stress (Disstress) zugemutet wird?

Schon aus eigener Erfahrung wissen viele Menschen, dass Disstress auf viele Funktionen, Fähigkeiten und auf das Befinden negative Auswirkungen hat:

auf Kreativität, Interesse und Antrieb,
auf Denken, Fühlen, Erinnern und Lernen,
auf das Selbst- und Körpererleben und auf das Immunsystem.
Wie zeigen Kleinkinder ihren aktuellen Stress?

Zu Beginn der Krippenbetreuung (bei oder nach der Eingewöhnung) schreien und klammern die Kleinen häufig an der Bindungsperson, wenn diese ihr Kind abgeben will. Dabei zeigen sicher gebundene Kinder deutlicher ihre Trennungsängste als unsicher gebundene.

Nach einigen Wochen oder Monaten sind die Anzeichen dann meist nur noch subtil:

Sowohl die sozial ängstlichen, stillen, gehemmten als auch die unruhigen und aggressiven Kinder schütten besonders viele Stresshormone aus.
Kinder unter Stress sind häufig verhaltensgehemmt und zeigen weniger positive und negative Gefühle.
Sie sind weniger flexibel und kreativ.
Vielen Kindern kann man ihren Stress überhaupt nicht anmerken.
Kinder, die nicht weinen, gelten als gut eingewöhnt (1,8,9,16).
Mögliche Spätfolgen frühkindlicher Stressbelastung

Viele thematisch relevante Ergebnisse aus der neurobiologischen Forschung sind beunruhigend.

Das kindliche Gehirn entwickelt sich in den ersten Lebensjahren rasant und vor allem prägend.

In vielen Untersuchungen wurde festgestellt, dass bei übermäßigem Stress in der frühen Kindheit Wachstum und Vernetzung von neuronalen Verbindungen gebremst wird.

Burghard Behncke fasst einige Ergebnisse der umfangreichen Forschung folgendermaßen zusammen: „Ein chronisch hoher Cortisolausstoß in früher Kindheit kann zu Gesundheitsproblemen führen. So wurden eine Schwächung des Immunsystems, vermehrte Infektionen, eine Beeinträchtigung von Gedächtnis, Emotionalität sowie des Neuronenerhalts beobachtet. Als Langzeitfolgen können emotionale Dysfunktionen, Depressionen, Angst und Essstörungen auftreten (Gerhardt, 2004). Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass im Gehirn der Hippocampus, der präfrontale Cortex und die Amygdala beeinträchtigt werden – die Gehirnregionen, die sowohl für die kognitive als auch die emotionale Steuerung zuständig sind“ (14).

Häufig wird betont, dass früher Stress langfristige Folgen für das Stressregulationsvermögen hat. So kann z. B. eine verminderte Cortisolfreisetzung in Stresssituationen festgestellt werden oder aber eine erhöhte. Beides beeinträchtigt eine effektive Stressregulation (12).

Durch frühen Stress können z. B. dauerhaft ähnliche Schaltkreise aktiviert werden wie bei Schmerz- oder Panikzuständen (15).

Früher Stress kann tiefe Spuren im Zellkern hinterlassen, die sich auch weitervererben können (kann also eigenetisch wirken). Er beeinflusst das Ausmaß der Neubildung von Nervenzellen und die Zellalterung, die Dichte der Zellen in der Hirnrinde, das Gedächtnis und viele weitere Prozesse im Gehirn (12).

Ein Abgesenkter Cortisolspiegel wurde auch bei Erwachsenen und Jugendlichen mit folgenden Persönlichkeitsmerkmalen gemessen:

verminderte Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen (was im Zusammenhang steht mit einer verminderten Wahrnehmung von Gefühlen anderer und mangelnder Empathiefähigkeit).
So wurden auch psychopathische Eigenschaften festgestellt, wie gefühllos-unemotionales Verhalten (17)
und erhöhtes aggressives und antisoziales Verhalten (18)(19)

Erkenntnisse der Neurobiologie bestätigen die Bindungsforschung:

Bei gesteigerter Stressbelastung und mangelnder Bindung, wie meist in der Krippenbetreuung, kann der Zugang zur eigenen Gefühlswelt und folglich zu den Gefühlen anderer beeinträchtigt werden und es besteht die Gefahr, dass die Gehirnentwicklung nachteilig verläuft, was unter anderem eine Rolle bei der Affekt- und Stressregulation spielt.

Bei guten Bindungserfahrungen wird das „Glückshormon“ Oxytocin – als Gegenspieler des Cortisol – ausgeschüttet, das dem Stress entgegenwirkt, der bei den noch überwältigenden Gefühlen und Bedürfnissen des Kleinkindes leicht ausgelöst wird und noch nicht selbst reguliert werden kann.
Gefühlsregulation einer Bindungsperson ist daher eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich das kindliche Gehirn bestmöglich entwickeln kann, damit es auch auf lange Sicht seine Anlagen und Fähigkeiten bestmöglich nutzen kann. Daher wird auch von dieser Seite bestätigt, dass Bindung – vor allem in den ersten drei Lebensjahren – die Voraussetzung für Bildung und für seelische Gesundheit ist.

Quellenangaben

(1) WiKi-Studie/Wiener Krippenstudie, 2007-2012, Leitung der Studie: Winfried Datler, Co-Leitung: Lieselotte Ahnert, Projektkoordinatorin: Nina Hover-Reinser, Studienautorin Tina Eckstein. 104 Kinder in 71 unterschiedlichen Einrichtungen wurden über ein Jahr hinweg immer wieder beobachtet. Außerdem wurde das Bindungsverhalten der Kinder, das Temperament der Kinder und der Mütter berücksichtigt sowie die Cortisolwerte und die Qualität der Einrichtungen. Teilweise zitiert nach „Informationen 2/16: bke-Stellungnahme – Chancen und Risiken einer familienergänzenden Betreuung für Kleinkinder unter drei Jahren“, tlw. zitiert aus Frankfurter Rundschau/wissenschaft/stress-in-der-krippe/22.06.2011, tlw. aus Interview mit der Studienautorin Tina Eckstein (Welt Artikel 10.10.2011, „Krippenbetreuung bedeutet für Kleinkinder Stress“).

(2) Vermeer, Harriet J. & van IJzendoorn, M. H. (2006). Child & Family Studies and Data Theory. Leiden University, The Netherlands. In: Early Childhood Research Quarterly 21, 390 – 401. Untersucht wurden neun Cortisol-Studien von Kindern in „daycare“: Tendenziell fanden die Untersuchungen in Einrichtungen mit guter Qualität statt.

(3) Ahnert, L. et al. (2004). Transition to Child Care: Associations With Infant–Mother Attachment, Infant Negative Emotion, and Cortisol Elevations. In: Child Development. Vol. 75, Issue 3, S. 639 – 650, Berliner Studie, Untersuchung mit 70 Kleinkindern im Alter von 15 Monaten.

(4) Böhm, R. Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Schwerpunkt Neuropädiatrie, Leiter des sozialpädiatrischen Zentrums in Bielefeld, Vortrag: „Die dunkle Seite der Kindheit“ www.fachportal-bildung-und-seelische-gesundheit.de (hier sind noch weitere lohnende Beiträge zu finden).

(5) Gunnar, M. R. (2010) The University of Minnesota, College of Education and Human Development, reports that in many cases 70 to 80 Percent of children in center-based daycare show increasing levels of the stress hormone cortisol throughout the day, with the biggest increases occurring in toddlers. Yet by the age of five, children don’t exhibit these stress reactions of being with others children all day. Zitiert nach: Sigman A. (2011). “Mother Superior –The Biological Effects of Day Care”, The Biologist 2011 Vol 58 No 3.

(6) In der sogenannten „Stendaler Tagesbetreuungsstudie“, in die 100 Kinder zwischen ein und sieben Jahren einbezogen waren, untersuchten die Forscher, welchen Einfluss die wechselnden Betreuungskontexte (öffentlich – privat) auf die Stressbelastung der Kinder nahmen. Zitiert nach „Stress in der Krippe“ Frankfurter Rundschau/Wissenschaft, 22.06.2011.

(7) Roisman, G. I. (2009). Early Family and Child-Care Antecedents of Awakening Cortisol Levels in Adolescence, Child Development, May/June, Volume 80, Number 3, Pages 907–920, University of Illinois at Urbana-Champaign, teilweise zitiert nach: Rainer Böhm: Cortisol versus Bindung, Vortrag vom 28.2.2015 auf der Didacta. Eine NICHD-Langzeitstudie mit 863 15-jährigen Jugendlichen mit ungünstig verändertem Cortisolspiegel und Stress-Regulationsstörungen hat ergeben, dass sie als Kinder zu Hause vernachlässigt wurden oder aber schon früh und umfangreich in der Krippe betreut wurden (unabhängig von der Betreuerqualität!).

(8) Strüber, N. (2016). Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen, S. 285. Stuttgart: Klett-Cotta. Bezieht sich auf Harriet J. Vermeer, Marinus H. van IJzendoorn, siehe (2).

(9) Informationen 2/16: bke-Stellungnahme – Chancen und Risiken einer familien­ergänzenden Betreuung für Kleinkinder unter drei Jahren, siehe (1), S. 9.

(10) Lumian, D., Dmitrieva, J., Mendoza, M. M., Badanes, L. S. & Sarah Enos Watamura. (2015). The Impact of Program Structure on Cortisol Patterning in Children Attending Out-of-Home Child Care, lbadanes@msudenver.edu 1. Department of Psychology, University of Denver, 2155 S. Race St, Denver, CO, 80208, USA und M. Kryzer, E. M. & Robertson, S. (2008). Cortisol patterns at home and child care: After­noon differences and evening recovery in children attending very high quality full-day center-based child care, https://doi.org/10.1016/j.appdev.2008.12.027.

(11) Groeneveld et al. (2011). Children’s wellbeing and cortisol levels in home-based and center-based childcare. Early Childhood Research Quarterly, 25(4): 502-514, 2010 zitiert nach: Dr. Aric Sigman, “Mother Superior –The Biological Effects of Day Care”, The Biologist 2011 Vol 58 No 3.

(12) Strüber, N. (2016). Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. S 277-278. Stuttgart: Klett-Cotta.

(13) Strüber, N. (2016). Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. S 283. Stuttgart: Klett-Cotta.

(14) Behncke, B. Frühkindlicher Stress in der Fremdbetreuung und seine langfristigen Folgen. Auffindbar unter www.fuerkinder.org unter: Kinder brauchen Bindung.

(15) Wettig, J. (2006) Eltern-Kind-Bindung: Kindheit bestimmt das Leben. Artikel im Deutschen Ärzteblatt PP 5, Ausgabe Oktober.

(16) www.spektrum.de Artikel: Immer Stress mit der Krippe

(17) Holi et al., Inverse correlation between severity of psychopathic traits and serum cortisol levels in young adult violent male offenders, Univ. of Helsinki/Finland, 2006;39(2):102-4. Epub 2006 Jan 17.

(18) Mc Burnett K, Lahey BB, Rathouz PJ, Loeber R, Low salivary cortisol and persistent aggression in boys referred for disruptive behavior, Department of Psychiatry, University of Chicago/USA. Arch Gen Psychiatry.2000 Jan;57(1):38-43.

(19) Van Goozen et al., Salivary cortisol and cardiovascular activity during stress in oppositional-defiant disorder boys and normal controls, Department of Child and Adolescent Psychiatry, Utrecht University Hospital/NL
Biol Psychiatry.1998 Apr 1;43(7):531-9.