Widersprüchlichkeit mancher Studien

Wie lässt sich die Widersprüchlichkeit vieler empirischer Studien erklären?

Autor: Gisela Geist

Weltweit gibt es unzählige Studien, welche die Auswirkung von früher Fremdbetreuung in Kitas feststellen wollen. Die Ergebnisse sind höchst widersprüchlich – warum?

1. Insgesamt ist es schwer zu differenzieren, welche Variablen die Ergebnisse beeinflussen wie z. B.

– Bildungsstand, Erziehungsstil, psychische Gesundheit der Eltern oder Allein-erziehen,

– häufig wird nicht differenziert, ab welchem Alter, für wie viele Stunden pro Tag/Woche und in welcher Qualität betreut wurde,

– oft kann nicht mehr nachgeprüft werden, was nicht gemessen oder ausgeblendet wurde.

2. Die Ergebnisse sind oft nicht repräsentativ:

– Die Verteilung der verschiedenen Einflussgrößen/Variablen innerhalb der Stichproben ist oft nicht ausgewogen,

– oft sind die Stichproben (Grundmengen) für eine Aussage zu klein,

– häufig streuen die Daten so sehr, dass die Aussagekraft des Mittelwerts sehr fraglich ist.

3. „Fremdbetreuung“ ist nicht einheitlich definiert.

So wird z.B. nicht-mütterliche Betreuung, also auch Betreuung durch den Vater(!), Großeltern, Kinderfrau (auch im häuslichen Rahmen) in manchen Studien als Fremdbetreuung interpretiert.

4. Untersuchungsmethoden haben Einfluss auf die Forschungsergebnisse.

So haben einige Studien – gerade solche, die Vorteile der Krippenbetreuung im Ergebnis betonen – wie die Norwegische Studie von 2012 (Befragung zu dreijährigen Kindern) und die Dresdner Studie von 2015 (Befragung zu Sechsjährigen) ausschließlich Elternfragebögen zur Datengewinnung eingesetzt. Dabei ist zu bedenken:

– Bei der Datenerfassung durch Eltern können Befangenheit oder Verzerrungen auftreten.

– Externalisierte Verhaltensstörungen wie Aggressivität und oppositionelles Verhalten der Kinder, die eher als problematisch eingeschätzt werden, könnten sich im Mittelwert in etwa ausgleichen mit internalisierten Verhaltensstörungen wie emotionalem Rückzug und gehemmtem, eher angepasstem Verhalten. Letzteres wird von den Eltern vorerst meist als angenehm empfunden.

– Bei Fragebögen ist im Allgemeinen schwer auszumachen, was die kausalen Faktoren sind: ob sie z. B. als Hinweis für psychische Gesundheit gewertet werden können oder gerade nicht.

So gibt es z. B. in dem (SDQ-D-)Fragebogen, der in der Dresdner Studie bei der Einschulung verwendet wurde, die Frage:
Ist das Kind „im Allgemeinen folgsam, macht meist, was Erwachsene sagen.“

Wird die Frage bejaht, ergibt das eine positive Bewertung.

Hier kommt es bei der Antwort zum einen auf die Erwartungshaltung der Eltern an, zum andern kann es sich einerseits um Überanpassung handeln (internalisierte Verhaltensstörung) oder aber um einen Hinweis auf psychische Gesundheit bei guter Eltern-Kind-Bindung.

5. Verschieden differenzierte Studiendesigns

Studien, die ihre Ergebnisse auf mehrere Untersuchungsmethoden stützen (oder aber auf objektiv erfassbare Größen, wie die Cortisol-Messungen), sind aussagekräftiger als eindimensionale mit außerdem ungenauen Methoden (z. B. Elternfragebögen).

Vergleicht man beispielsweise die Dresdner Studie (2015) mit der Schweizer Studie von Averdijk (2011), so betrachtet letztere noch weitere wichtige Faktoren, die das Ergebnis beeinflussen können, wie z. B. Betreuungsdauer pro Tag/Woche und Kumulation der Fremdbetreuung in einer Kita über die Jahre; die psychische Gesundheit der Mutter (z. B. Depression, Überlastung) wird einbezogen, sowie problematisches Erziehungsverhalten (mangelhafte Zuwendung, unberechenbares Elternverhalten, Körperstrafen) und Konflikte zwischen den Eltern und/oder ErzieherInnen, außerdem das Haushaltseinkommen.

Die Studie von Averdijk nutzt des Weiteren als Untersuchungsmethoden neben Eltern- auch noch Lehrerfragebögen, setzt außerdem Interviews ein und einen Maltest mit den Kindern.

Beide Studien untersuchen Kinder im ca. gleichen Alter auf ihre psychische Gesundheit hin (Dresdner bei Einschulung, Averdijk im ersten Schuljahr). Die Studien sagen genau das Gegenteil aus.

Dresdner: Je früher die Krippenbetreuung, desto besser die psychische Gesundheit, desto bessere Entwicklungschancen.

Averdijk: Je früher und länger die Krippenbetreuung, desto mehr Risiko für die kindliche Entwicklung.

Auf der nächsten Seite: Clortisol-Studien und Neurobiologie werden dagegen Studien genannt, die ähnliche Aussagen haben.