Väter und die Entwicklung des Kleinkindes

von Dr. Erika Butzmann

a) Die Fürsorgearbeit des Vaters im ersten Lebensjahr 
unter dem geschlechtsspezifischen Aspekt:

Die frühe Fürsorgearbeit mit dem Baby ist für Väter ein Lernprozess, da sie nicht über den Müttern zur Verfügung stehenden hormonellen Zuwendungsantrieb aufgrund des Oxytocins verfügen. Die Testosteronfreisetzung muss über die Beschäftigung mit dem Baby heruntergefahren werden, damit  auch beim Vater Oxytocin freigesetzt wird, das empathisches Verhalten ermöglicht. Dazu müssen bestimmte Voraussetzungen vorhanden sein, denn die Hirnchemie ist nicht willentlich beeinflussbar (Strüber 2016, S. 206 ff.); das heißt, nicht jedem gewillten Vater gelingt das in jeder Situation. Hat der Vater die Möglichkeit fürsorglich und empathisch auf das schreiende Baby einzugehen und erlebt er, dass er mit seinen Trostbemühungen erfolgreich ist, führt das zu einem Absinken der Testosteronfreisetzung. Kann er allerdings nichts gegen das Schreien unternehmen, steigt sein Testosterongehalt und die Empathiefähigkeit sinkt, so dass seine Fähigkeit, die kindlichen Signale zu deuten, verringert wird. Männer könnten demnach in einem Alltag, in dem sie Herausforderungen und Unsicherheiten ausgesetzt sind und sich behaupten müssen, aufgrund ihrer Testosteron-Freisetzung eine Hirnaktivität haben, die der feinfühligen und empathischen Fürsorge entgegensteht (Strüber 2016, S. 217). Empathisches Verhalten gelingt Frauen in solchen Situationen eher, da ihre Hirnchemie dies in der Regel nicht durch Testosteron verhindert. Allerdings kann ein hoch aktives Stresssystem bei der Mutter ebenfalls ihre Empathiefähigkeit einschränken, weil Stress den Oxytocinspiegel senkt. 

Doch nicht nur vonseiten des Vaters gibt es möglicherweise Einschränkungen, auch das Kind hat seine eigenen Bedürfnisse, die eine Versorgung im ersten Lebensjahr durch den Vater erschweren kann. Wenn die Mutter zur Verfügung steht und sich einfühlsam auf das Kind einlässt, hat der Vater während der Hauptbindungsphase an die Mutter in den ersten 12 bis 18 Monaten weniger Chancen, sich um das Kind zu kümmern. Das gelingt ihm meistens nur dann, wenn die Mutter abwesend ist. Kommt sie zurück, ist das Kind häufig wieder ganz auf sie fixiert. Das kann für Kinder auch zu einer dramatischen Ausprägung führen, wie das nachfolgende Beispiel aus der Beratung zeigt: – Die Betreuung durch den Vater hat ein paar Wochen erstaunlich gut geklappt bei dem knapp einjährigen Kind. Es ist sogar beim Papa auf der Brust eingeschlafen. Dann ging es irgendwie nicht mehr. Die Eltern haben alles genauso gemacht wie vorher, aber das Kind hat wahnsinnig geschrien, als es dann wieder mit dem Papa allein war. Es hat jeden Raum abgesucht, um die Mutter zu finden und war total aufgelöst bis die Mutter zurückkam. Seit dem Vorfall will es gar nicht mehr zum Papa. Sobald er das Kind hochnimmt und die Mutter aus dem Sichtfeld ist, weint es bitterlich. – Hier wäre es notwendig, dass die Mutter vorübergehend die Versorgung des Kindes wieder voll übernimmt, denn das einjährige Kind steckt in der intensivsten Bindungsphase an die Mutter. Unter entwicklungspsychologischen Aspekten hat das Kind durch einen Entwicklungsschub plötzlich die Trennung von der Mutter bemerkt, so dass es in Panik geriet. Vorher befand es sich in einem allumfassenden ‚ozeanischen Gefühl‘ (Freud 1930, S. 5ff.) ohne die Empfindung, von den anderen getrennt zu sein, so dass es sich auch beim Vater wohlfühlte.

In den Fällen, wo die Mutter aufgrund von psychischen Problemen keinen Zugang zum Kind findet und der Vater in der Lage ist, sich auf das Kind einzulassen, wird sich das Kind ihm vollkommen zuwenden und eine Primärbindung an ihn entwickeln. Ansonsten entwickelt sich die Bindung zwischen Vater und Kind in erster Linie über die Spieltätigkeit und die Förderung der Erkundungen des Kindes, wie dies alle bisherigen Studienergebnisse nahelegen (Grossmann/Grossmann 2008; Strüber 2016; Kindler 2002). Grossmann et. al. (2001) weisen nach, dass insbesondere die feinfühlige und vorsichtig herausfordernde Art der Beziehungsgestaltung des Vaters beim Spiel die Autonomieentwicklung des Kindes fördert. 

Mit dem Laufenlernen kommt das Kind in die Phase der ‚Liebesaffaire mit der Welt‘ (Kaplan 1987, S. 140), die durch den impulsgesteuerten Erkundungs-, Spiel- und Nachahmungsantrieb zu einem starken Entwicklungsschub führt, der die Erkenntnis des Getrenntseins von der Mutter vorantreibt. Mit seiner größeren Spielfreude kann der Vater dieses Verstehen beim Kind fördern und damit gleichzeitig seine Bindung an das Kind stärken. Die Spielaktivitäten nehmen natürlicherweise durch die Bewegungslust des Kindes im Laufe des zweiten Lebensjahres zu, so dass die Bindung an den Vater in dieser Zeit intensiviert wird. Mehrere Forscher betonen, dass die Identifikation mit dem Vater im zweiten Lebensjahr beginnt (Camus 2001, S. 141f.). Zwischen anderthalb und zwei Jahren kommt mit den Fortschritten in der Entwicklung und den Eroberungen im Bereich der Bewegung und der Sprache dem Vater diese besondere Rolle zu. Wenn das Kind sich vertrauensvoll der Umwelt zuwendet, die mit viel Neuem und Interessantem lockt, die aber auch ungewiss und ängstigend erscheint, wird der Vater durch seine Begleitung der kindlichen Aktivitäten zur Sicherheit gebenden Basis. Die Spiel- und Spaßaktionen, die der Vater schon mit dem Säugling betreibt, sind die Vorläufer für dieses Sicherheitsgefühl in Gegenwart des Vaters.

So führen die unterschiedlichen Fähigkeiten von Männern und Frauen zu unterschiedlichen Einflüssen auf die Entwicklung des Kindes. Väter und Mütter ergänzen sich komplementär. Der Säugling nimmt zwar schon früh die unterschiedliche Beziehungserfahrung wahr, in sein Bewusstsein kommt dies jedoch erst später. Aus einer Langzeitstudie geht hervor, dass das im Kindesalter von zehn Jahren erhobene innere Modell zwischenmenschlicher Bindung durch unterschiedliche Eigenschaften von Mutter und Vater gefördert wurde. Mütterlicherseits war es vor allem die frühe Bindungsbeziehung, die das spätere innere Modell von Bindung des Kindes vorhersagen konnte. Väterlicherseits wurde die spätere Bindungsfähigkeit durch die im Spiel gezeigte Feinfühligkeit des Vaters bestimmt. Diese Spiel-Feinfühligkeit des Vaters steht in einem engeren Zusammenhang mit der späteren Entwicklung des Kindes als die Sicherheit der frühen Vater-Kind-Beziehung (Grossmann et. al. 2002).

Das dürfte auch damit zu tun haben, dass es Vätern in der vorsprachlichen Zeit schwerer fällt, die Signale der Kinder zu verstehen. Sie fühlen sich sicherer, wenn die Kinder ihre Bedürfnisse sprachlich anbringen können. Eine direkt auf die geschlechtsspezifische Gehirnstruktur basierende besondere Fähigkeit der Mütter verschafft ihnen einen Vorteil gegenüber den Vätern beim Umgang mit den vorsprachlichen Kindern. Die dichteren Verbindungen zwischen beiden Gehirnhälften ermöglichen Müttern eine bessere Interpretation des Verhaltens der Kleinstkinder. Das gelingt auch durch die stärkere linkshemisphärische Benutzung des Gehirns bei Frauen; denn die mit den sprachlichen Fähigkeiten besonders gut ausgestattete linke Hemphisphäre unterliegt einem „Interpretationszwang“ (Roth 2001, S. 371); sie sucht für das, was geschieht, immer Erklärungen (Gazzaniga 2002, S. 33). So können Mütter eher die Signale des Kindes interpretieren, wodurch der Umgang mit den Kindern einfacher ist.

Dementsprechend ist die derzeitige gesellschaftliche Forderung, die Väter sollen sich an der Fürsorge der Kinder von Anfang an gleichberechtigt beteiligen von mehreren Unwägbarkeiten abhängig, so dass diese allgemeine positive Annahme über Fürsorgearbeit bereits im ersten Lebensjahr zusätzlichen Stress für Väter und Kinder bedeuten kann.

Die Anwesenheit der Eltern in den ersten zwei bis drei Jahren müsste insofern anders geregelt werden, als dies mit dem staatlichen Erziehungsgeld derzeit gesteuert wird. 
Im Sinne einer positiven Entwicklung des Kindes und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen sollten Mütter die ersten 16 bis 18 Monate ganztags für ihr Kind zur Verfügung stehen und in den nächsten 12 Monaten weiterhin halbtags. Der Vater sollte im zweiten Lebensjahr halbtags – also zeitgleich mit der Mutter – einsteigen, um die Weiterentwicklung des Kindes und seine Bindung zum Kind zu fördern, damit die Ablösung von der Mutter moderat gestaltet werden kann. 
Das müsste jedoch über mehrere Monate und vorwiegend in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres vonstatten gehen, damit es eine Wirkung für die psychische Stabilität des Kindes hat. Die beiden Vätermonate am Anfang des zweiten Lebensjahres haben kaum eine Wirkung, weil das Kind in der intensivsten Bindungsphase an die Mutter steckt und eine abrupte Trennung von ihr zur Stressbelastung beim Kind führt, was das Einlassen auf den Vater erschweren kann. Die von vielen Fachleuten derzeit fokussierte Mutter-Vater-Kind-Tryade von Beginn an ist dadurch keineswegs in Gefahr, da sich diese Tryade nur ein wenig später entwickelt und dann umso stabiler ist.

Unter Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Fähigkeiten wäre für die frühe Fürsorgearbeit der Väter das Bedürfnis des jeweiligen Kindes als Richtschnur geeignet.


b) Die andere Bedeutung der Väter für die Entwicklung der Kinder 
aufgrund ihrer besonderen Gehirnstruktur

Die wissenschaftliche Vaterforschung (Camus 2001, Kindler 2002, Seiffge-Krenke 2001 und 2004) bestätigt das Verhalten von Vätern, das sich aus der beschriebenen geschlechtsspezifischen Denk- und Wahrnehmungsweise ergibt. Es wird deutlich, dass die Väter genauso wertvoll wie die Mütter für die Entwicklung der Kinder sind:

Väter gehen schon mit sehr kleinen Kindern anders um als die Mütter. Sie imitieren das Kind häufiger und geben mehr visuelle und akustische Stimulation. Der Körperkontakt ist anders, distanzierter und aufregender.

Bei allem was die Väter mit den Kindern machen, gehen sie spielerischer, motorisch- und körperbetonter mit den Kindern um als Mütter. Sie unterstützen damit das entwicklungsfördernde Erkundungsverhalten der Kinder. Dies intensiviert die Bindung an den Vater und fördert das positive Selbstwirksamkeitsgefühl beim Kind. 

Im weiteren Verlauf der Entwicklung lernt das Kind durch dieses väterliche Verhalten, die Anforderungen aus der Umwelt zu bewältigen. Dies geschieht, indem Väter ihre Söhne und Töchter an ihren Tätigkeiten teilhaben lassen, Interesse wecken, neue Fertigkeiten beibringen, auf Disziplin achten. Mädchen unterstützen sie zusätzlich, wenn sie auf mädchenhaftes Verhalten positiv reagieren und im Kontakt mit ihnen mehr Nähe und Emotionalität zulassen. Über die Teilhabe an väterlichen Aktivitäten fördern sie darüber hinaus bei ihren Töchtern Ehrgeiz, Selbstständigkeit und Vertrauen in die eigenen Kompetenzen (Ayerle 2022, S. 38).

Väter trauen ihren Kindern mehr zu als Mütter. Sie tolerieren geringfügige Gefahren für die Kinder. Sie fordern mehr Unabhängigkeit von ihren Kindern und beharren in Konfliktfällen mit dem Kind mehr auf die Durchsetzung von Verhaltensregeln. Sie übertragen den Kindern mehr Verantwortung.

Väter verwenden weniger leicht verständliche Anweisungen. Dieses weniger an den Erwartungen und Fähigkeiten des Kindes angepasste väterliche Verhalten gibt Anstöße für die Weiterentwicklung des Kindes. Die eher an den eigenen Vorstellungen, an konkreten Handlungen und äußeren Zielen ausgerichtete Interaktion des Vaters mit dem Kind fördert die Selbstkontrolle des Kindes, die Fähigkeiten zur Bewältigung von Aufgaben und die Orientierung an Zielen.

Väter fördern damit die Selbständigkeitsentwicklung und Individualität des Kindes. 
Die notwendige positive emotionale Basis zur Selbständigkeitsentwicklung wird in der Regel stärker durch die Mütter geschaffen
.

Der positive Einfluss der Väter auf die Kinder ist jedoch abhängig von den Kindheitserfahrungen in der Herkunftsfamilie des Vaters. Je unverträglicher diese waren, desto weniger kann er das Kind fördern.

Dies sind Auszüge aus dem Artikel „Neue Väter in der heutigen Gesellschaft“ (S. 6-8), in dem die Aussagen von Margit Stamm aus ihrem Buch „Neue Väter brauchen neue Mütter“ reflektiert und unter dem geschlechtsspezifischen Aspekt neu diskutiert werden. Der Artikel erscheint im Frühjahr 2023 in der Zeitschrift „Psychotherapie“. 

Literatur:

Camus, J.  (2001). Väter. Die Bedeutung des Vaters für die psychische Entwicklung des Kindes. Weinheim: Beltz.

Freud, S. (1930). Das Unbehagen in der Kultur. Wien: Internationaler psychoanalytischer Verlag.

Grossmann, K., Grossmann, K.E. (2008). Die psychische Sicherheit in Bindungsbeziehungen. Familiendynamik 33, 231-259.

Grossmann, K., Grossmann, K.E., Fremmer-Bombik, E., Kindler, H., Scheuerer-Englisch, H. & Zimmermann, P. (2002). The uniqueness of the child-father attachment relationship: Fathers‘ sensitive and challenging play as the pivotal variable in a 16-year longitudinal study. Social Development, 11, 307-331.

Kaplan, L. (1985). Die zweite Geburt. Die ersten Lebensjahre des Kindes. München: Piper.

Kindler, H. (2002). Väter und Kinder. Langzeitstudien über väterliche Fürsorge und sozioemotionale Entwicklung von Kindern. Weinheim: Juventa.

Roth, G. (2001). Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt: Suhrkamp.

Stamm, M. (2018) Neue Väter brauchen neue MütterWarum Familie nur gemeinsam gelingen kann. München: Piper.

Strüber, N. (2016). Die erste Bindung. Wie Eltern die Entwicklung des kindlichen Gehirns prägen. Stuttgart: Klett-Cotta.