Was braucht ein Kind UNTER 3 JAHREN für eine möglichst gute Entwicklung?

von Gisela Geist

INHALTSVERZEICHNIS

Was braucht ein Kind unter 3 Jahren

Zur Entwicklung der Bindungsbeziehung

Erziehung zu Selbstständigkeit

Zusammenfassung

Entwicklungspsychologische Grundlagen

Erkenntnisse der analytischen Psychologie, Bindungsforschung und Neurobiologie

Aus Erfahrungen und Forschungen dieser Wissenschaften wissen wir:

Eine sichere Bindung ist neben den körperlichen Bedürfnissen das zentrale Bedürfnis der frühen Kindheit.

Die Bindungsbeziehung entwickelt sich im ersten Lebensjahr mit der wichtigsten Fürsorgeperson, die möglichst feinfühlig, liebevoll und verlässlich da ist für das Kind.

Die Mutter ist durch Schwangerschaft, Geburt und oft auch Stillen schon hormonell und emotional auf die Fürsorge für ihr Kind eingestellt. Andererseits ist auch das Kind schon „von innen her“ mit ihrer Stimme/Sprache, ihrem Geschmack/Geruch und ihren Rhythmen (Herzschlag, Atem etc.) wie mit keinem anderen Menschen vertraut. Deshalb eignet sie sich am besten als primäre Bindungsperson.

Das Kind braucht sie noch wie ein Gefäß (wie einen äußeren Uterus) in dem es sich liebevoll und zuverlässig angenommen und gehalten fühlen kann (der Begriff in der Psychologie ist dafür „Containment „– kommt von „enthalten“).
Für den Säugling ist noch alles eins: Außen-Innen, Ich-Du, Seele-Körper:
Seine Erfahrungen prägen sich bis ins Körperliche hinein.

Eltern müssen nicht perfekt sein, aber es geht um die vorherrschende Erfahrung für das Kind, dass seine Bedürfnisse und Erregungen, immer wieder zuverlässig (je jünger es ist, desto schneller) aufgefangen und beruhigt (reguliert) werden können.
So kann im Kind ein Grundgefühl von Vertrauen und Geborgenheit wachsen, das sogenannte Urvertrauen.
Die Haltung, die es ihm gegenüber im Außen erfährt, wird es allmählich verinnerlichen (internalisieren)links: Mutter-Kind-Beziehung (dazwischen eine unsichtbare, seelische Nabelschnur)
rechts: Kind -> Erwachsener (verinnerlichte Grunderfahrung für ein ganzes Leben)

Auf dieses Verinnerlichen werden wir immer wieder zurückkommen.

In der meist üblichen Vater-Mutter-Kind(er)-Familie ist ganz zu Anfang der Vater besonders wichtig für die Mutter als Halt und Unterstützung.
Aber bald (schon im ersten LJ.) kann er idealerweise als weitere primäre Bindungsperson für das Kind allmählich hinzukommen.
Man spricht in der Psychologie von der Triangulierung, die für alle drei das ideale Maß an Beziehung, Sicherheit und Entwicklung ermöglicht.
Sie entlastet die Mutter (die emotionale und körperliche Schwerarbeit leistet), hilft dem Kind langsam aus der Einheitsbeziehung mit der Mutter herauszuwachsen und der Vater kann zum gelebten Vater werden.

Die Bindung von Seiten des Kindes wird auf englisch mit Attachment bezeichnet.
Das Kind ist aber darauf angewiesen, dass seine Bindungsperson ihrerseits bereit ist, Bindung zu ihm einzugehen, was mit Bonding bezeichnet wird.
Zwei Begriffe dafür sind sehr stimmig, da beides zusammenkommen muss für eine positive Bindung.

Zur naturgemäßen ersten Kind-> Mutter-, Mutter-> Kind-Bindung kommt idealerweise langsam der Vater hinzu, der ebenfalls feinfühlig Beziehung zum Kind aufnimmt und gleichzeitig in Beziehung zur Mutter bleibt (wie die Mutter zum Vater), sodass das Kind langsam Bindung auch zum Vater aufnehmen kann.

Die Gefahr einer engen Zweierbeziehung mit einem „Ausgeschlossenen“ Dritten ist hoch. Manchmal ist es der Vater, manchmal das Kind, welches dann als Störenfried in der Elternbeziehung empfunden wird. Beides ist problematisch.
Die Herausforderungen durch die Geburt eines Kindes und die Veränderungen im Beziehungssystem sind enorm!

Eine geglückte Triangulierung beschreibt Idealzustände der (immer noch häufigsten) Vater – Mutter – Kind – Beziehung.
Auch andere Familien Modelle sind denkbar.

Alleinerziehende haben es besonders schwer!
Der Halt und die Unterstützung für Mutter und Kind und die Triangulierung sind schwer möglich – Auf das wichtige Thema „alleinerziehend“ kann an dieser Stelle leider nicht weiter eingegangen werden.

Ca. ab einem Jahr – das ist jedoch individuell verschieden! – können Kinder mit wenigen weiteren (sekundären) Bindungspersonen Beziehungen eingehen, ein sorgfältiges Vertraut-werden vorausgesetzt.

Die Bindungspersonen haben eine bestimmte Rangordnung (Hierarchie) in der Bedeutung für das Kind. Man spricht von der „Bindungspyramide“.Wirklich Sicherheit bietende Bindungsperson ist am Anfang nur eine, höchstens zwei Personen, also die Spitze der Pyramide.

Je älter das Kind wird, desto mehr kann sie sich nach unten mit weiteren Bindungspersonen ergänzen.

Bei der wichtigsten Bindungsperson fühlt sich das Kind nach wie vor am meisten geborgen. Es kann sich von ihr am besten trösten und beruhigen lassen.

Weil sich ein Kind bei dieser wichtigsten Bindungs-Person am sichersten fühlt, kann es bei ihr am besten auch seine Gefühle zeigen wie Freude, Zuneigung, aber auch Kummer, Ärger, … es kann bei ihr am besten seine Spannungen loslassen und weinen – weil es zu ihr das größte Vertrauen hat! – Nicht, weil sie etwas falsch macht!

Dass es seine Gefühle/Bedürfnisse ausdrücken kann, ist wichtig.
Es ist nämlich darauf angewiesen, dass sie möglichst zeitnah (je jünger desto mehr) wahrgenommen, beantwortet und beruhigt werden können, denn allein wird es geradezu überschwemmt davon, was größten Stress und Frustration bedeuten kann.
Deshalb ist es noch auf Affekt- oder Gefühlsregulation „von außen“ angewiesen.

in den ersten 3 Lebensjahren:

Überblick:Die Bindungsbeziehung, die im ersten LJ. aufgebaut wird (Basis von Urvertrauen) ist mit dem 1. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen, sondern entwickelt sich weiter und stabilisiert sich entscheidend im 2. und 3.  Lebensjahr.

Im zweiten Lebensjahr passiert so viel!
Neben so komplexen körperlichen und geistigen Entwicklungen wie laufen und sprechen lernen ist dieses 2. LJ. besonders bedeutsam für die Identitätsentwicklung bzw. Selbst-Erfahrung und Selbst-Wert-Erfahrung.

Die Fähigkeit, der Bindungsperson, emotional mitzuschwingen (Schwingungsfähigkeit) ist ganz wichtig für das Selbsterleben des Kindes, denn es kann sich dadurch erst richtig und vertieft selbst erfahren.
Es löst sich dabei langsam aus der Einheitserfahrung mit der Mutter heraus.
Das verunsichert es gleichzeitig, denn es verliert dabei seinen sicheren Boden.

Das Kind entwickelt jetzt eigene Vorstellungen und kann seine ersten Wutanfälle bekommen, wenn es diese durchkreuzt sieht. Das ist der Beginn der Autonomieentwicklung bzw. die 1. Trotzphase.
Da kann man dem Kind (und sich selbst) gut weiterhelfen, wenn man sich gut einfühlen kann in seine möglichen Vorstellungen und Empfindungen.

Je besser man das Kind kennt, desto besser kann man mit ihm umgehen: es entsprechend motivieren und seine Gefühle regulieren.
Diese externe Gefühls-/Affekt-Regulation ist noch sehr wichtig.

Das Kind ist in dieser Phase der Selbsterfahrung (2. Lebensjahr) noch ganz auf seine eigenen Empfindungen und Vorstellungen fixiert, also noch ganz egozentrisch bzw. narzisstisch. Es geht ja darum, sich erst einmal selbst zu erfahren. Es kann sich noch nicht in eine andere Position hineinversetzen. Daher ist es auch noch nicht sozial.
Gleichaltrige werden folglich tendenziell als Konkurrenten erlebt.
Statt Mitgefühl mit anderen wird es selbst angesteckt durch deren Gefühle und statt echtem Zusammen-Spielen gibt es Parallel-Spiel.

Am Ende des 2. LJ kann es Mutter/Vater soweit verinnerlicht haben, dass es besser Trennungen überbrücken kann.
Wenn der Prozess der Verinnerlichung noch nicht weit genug fortgeschritten ist, können sich die Verlassenheitsängste bei Trennungserfahrungen existentiell bedrohlich anfühlen!

Die Autonomieentwicklung findet im dritten Lebensjahr ihren Höhepunkt (auch als eigentliches Trotzalter benannt).
Da kann es einerseits heftige Wutanfälle geben, andrerseits Weinerlichkeit und Ängstlichkeit. Es kommt zu all den ambivalenten Gefühlen zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit. Auch für uns Erwachsene noch große Themen!
Nicht nur das Kind ist gefordert mit seinen teilweise überwältigenden Gefühlen, die es (wie gesagt) am besten zeigen kann, wenn es sich sicher gebunden fühlt, sondern auch die betroffene Bindungsperson.

Je mehr Verständnis, Verarbeitungshilfe und Sicherheit die Kinder, auch noch in ihren emotional schwierigen Selbstfindungs- und Ablösungsprozessen im 2.und 3. Lebensjahr von den wichtigsten Bindungs-Personen – meist den Eltern – erfahren dürfen (und das ist eine höchst komplexe und anstrengende Arbeit, bei welcher der Erwachsene auch immer wieder mit seinen eigenen Schwächen konfrontiert wird!),

  • desto mehr fühlen sie sich bestätigt und geliebt,
  • desto mehr wird ihr entwicklungsgemäßer primärer Narzissmus befriedigt und desto weniger besteht das Risiko eines späteren sekundären (krankhaften) Narzissmus mit seinem unstillbaren Hunger nach Selbstbestätigung.
  • Desto besser entwickelt sich ihr Selbst-Wertgefühl und desto weniger besteht das Risiko einer depressiven Entwicklung
    mit einem unstillbaren Hunger nach Zuwendung.
    Denn was entwicklungsgemäß nicht befriedigt wird, dem rennt man meist sein ganzes Leben vergeblich nach!
  • Desto besser können sich die Kinder mit all ihren Befindlichkeiten und Gefühlen selbst kennen und annehmen lernen.
    Das ist die Voraussetzung für eine spätere eigene/interne Affekt- und Gefühlsregulation.
    Impuls-/Affektregulationsstörungen nehmen übrigens immer mehr zu – sie gehören auch zum Symptomkreis von ADHS.

Wer sich mit seinen eigenen Gefühlen auskennt, wird auch eher mit den Gefühlen anderer umgehen können und diese von den eigenen unterscheiden können (ein Fachbegriff in der Psychologie dafür ist Mentalisierung).
Das ist die Voraussetzung für Einfühlung/Empathiefähigkeit.
Dies reduziert die Gefahr von Projektionen unbewusster Inhalte und negativer Gefühle, die z.B. Sündenbock-Psychologie, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit begünstigen (auch das nimmt derzeit zu).

Sozialkompetenz lernt das Kind in den ersten 3 Jahren also in erster Linie in Beziehungen zu reifen Erwachsenen: mit seinen wichtigsten Bindungspersonen, nicht mit Kindern, denn diese sind emotional nicht reif etwa für gegenseitige Einfühlung und Gefühls-Regulation. Dagegen belasten sie sich gegenseitig mit ihren unreifen Emotionen und Bedürfnissen.
Das Schlagwort: „Kinder brauchen Kinder“ wird somit für soziales Lernen in diesem Alter äußerst fragwürdig.

Auch noch später wird Selbstwertgefühl und sozialer Umgang erfahren und gelernt, aber ohne diese Basis in den ersten Lebensjahren wird es auch später problematisch bleiben.

Ein weiterer Aspekt:

Für das Interesse an den Dingen und anderen Menschen, für den Tätigkeitsdrang, das kreative Spielen, Üben und Lernen, das ein Kind naturgemäß ganz aus sich heraus entwickelt, gibt es eine wichtige Bedingung: das Kind muss sich sicher fühlen – sicher gebunden. Dazu braucht es – neben einem kinderfreundlichen Umfeld wo es experimentieren und mitschaffen darf – weiterhin seine wichtigsten Bindungspersonen als sichere Basis, um dort immer wieder auftanken und sich rückversichern zu können.
Bei Stress, z.B. durch Trennungssituationen oder bei zu vielen Reizen laufen primitive Stressregulationsmechanismen ab, die das Kind absorbieren.

Daher gilt bei Psychologen und Hirnforschern:

Bindung vor Bildung
Das bedeutet: Bindung ist Voraussetzung für Bildung und Frühe Förderung.

Es bedeutet einen großen Unterschied für die weitere Persönlichkeitsentwicklung, ob ein Kind diesen sensiblen Prozess der Autonomieentwicklung, der Selbstfindung und Ablösung sozusagen auf sicherem Boden, weitgehend selbst bestimmen darf oder ob ihm dieser sichere Boden durch unangemessene Trennungserfahrungen entzogen wird.

Denn als solches wird „Erziehung zur Selbstständigkeit“ oft missverstanden.

Es gibt ein chinesisches Sprichwort von der Pflanze, an der man zieht, damit sie schneller wächst. Sie ist am Schluss entwurzelt. (siehe Pflanze 1)
Mit einem Kind geht es ähnlich –
je besser es sich aber verwurzeln kann, desto besser kann es sich entfalten,
wie Pflanze 2 (siehe unten).

Sicherheit im Außen kann allmählich verinnerlicht werden zu innerer Sicherheit.
So sieht eine nachhaltige Autonomieentwicklung aus.

 

Wenn ein Kind ungefähr 3 Jahre alt ist, hat sich meist seine Persönlichkeit so weit stabilisiert, dass es frei wird für längere Trennungen von seinen Eltern, bzw. vertrautesten Bindungspersonen. Das ist aber individuell verschieden (oft ist es später). Schneller ist nicht besser! Dann wird es allmählich reif für die Gruppe und andere Kinder werden immer wichtiger.
Von einer GUTEN Kita-Betreuung kann es dann profitieren.

Vor allem in den ersten drei Lebensjahren kommt es auf eine sichere Bindung zu wenigen verlässlichen, feinfühligen, weitgehend verfügbaren Bindungspersonen an:

  1. damit ein Kind ein Grundgefühl von Sicherheit/Urvertrauen aufbauen kann,
  2. zur Regulation der noch überwältigenden emotionalen Zustände, d.h. zur
    externen Stress- und Gefühls-Regulation (bedeutet auch Stress-Reduktion)
  3. für die Entwicklung eines internen Gefühls- und Stressregulations-System;
  4. dass es ein gutes Selbstwertgefühl aufbauen kann (Befriedigung des Primären Narzissmus),
  5. dass es eine gesunde, nachhaltige Selbstständigkeit/Autonomie entwickeln kann
  6. mit Interesse an der Welt, den Dingen und an anderen Menschen –
    „Bindung vor Bildung“
  7. dass es fähig wird zu Empathiefähigkeit und Sozialkompetenz.

Zusammengefasst: ist eine sichere Bindung Voraussetzung für eine
gute Beziehung zu sich selbst, zur Welt/den Dingen, zu anderen Menschen

 

Ein Kind ist seine ganze Kindheit und Jugend auf liebevolle Zuwendung und Verlässlichkeit angewiesen, ganz besonders aber in den ersten 3 Lebensjahren.

In den Familien – in erster Linie zu Beginn bei der Mutter, dann auch beim Vater –  liegen vermutlich nach wie vor die größten Ressourcen für verlässliche Bindungsbeziehungen.
Eltern haben i.d.R. die stärkste emotionale Beziehung zu ihrem Kind, sie kennen es am besten und begleiten es durch die ganze Kindheit und Jugend.

Diese primären Bindungsbeziehungen können durchaus sorgfältig ergänzt werden mit wenigen weiteren vertrauten, möglichst liebevoll-zugewandten Bezugspersonen, wie z.B. Familienmitgliedern, Babysitter, Kinderfrau, Freundeskreis… .

Familien könnten sich gegenseitig unterstützen, indem sie sich in Gemeinschaften zusammenfinden, anstatt in Kleinfamilien zu vereinsamen.

Vor allem sollten alle wissen, von welch unschätzbarem persönlichen und gesellschaftlichen Wert eine verlässliche, zugewandte, einfühlsame Begleitung der Kinder ist, aller Kinder – und vor allem der Kleinsten.

Kann die Betreuung in der Krippe die Bindungsbedürfnisse der Kleinkinder – als Voraussetzung einer möglichst guten Entwicklung – erfüllen?

Ausführungen hierzu können Sie finden unter den folgenden Beiträgen:

„Bindungssicherheit und Autonomieentwicklung“ im Kapitel:
Zur Situation in Krippen (Kita U3)

oder etwas ausführlicher unter dem Beitrag

„Das Wohl der Kleinsten“ in den Kapiteln:
Qualitätsanforderungen Kita U3 und Zur Realität in den heutigen Kitas U3