Aloys Gelhaus: „System Kita und Familienförderung in Deutschland: Alles rechtens?“ (E.Butzmann)

novum-Verlag, Mai 2026

(Rezension von Dr. Erika Butzmann)

Thema

Die Familienförderung in Deutschland hat sich in den letzten 20 Jahren von Grund auf verändert, indem die institutionelle Betreuung und Bildung der Kleinstkinder zunehmend in den Vordergrund gerückt wurden. Die Bedeutung der Familienerziehung wird zwar weiterhin betont, die notwendige Zeit für die Erziehung der Kinder ist durch das gesellschaftspolitische Forcieren der doppelten Berufstätigkeit jedoch verloren gegangen. Das hat Folgen für das Aufwachsen der Kinder in den Familien. Mit Rückgriff auf fast 100 Quellen, die diese Entwicklung kritisch beleuchten, analysiert Aloys Gelhaus die gesamte Problematik.

Autor

Aloys Gelhaus hat sich als Fachmann für politische Familienförderung über 30 Jahre in einer niedersächsischen Kommune und einem politischen Kreisverband für den Familienlastenausgleich eingesetzt. Dabei ist ihm zunehmend klar geworden, dass die staatliche Förderung der frühen Trennung von Kleinstkindern von ihren Eltern dem Kindeswohl nicht dienen kann, also mit einer nachhaltigen Familienförderung nicht vereinbar ist.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau umfasst neun Kapitel, die einen Überblick über die Probleme der Kinder mit der neuen politischen Familienförderung darstellen. Dazu beschreibt der Autor zuerst die bisherigen Aktivitäten von unterschiedlichen Kindheitsexperten, die sich in den letzten Jahren öffentlich zu den Folgen einer zu frühen Krippenbetreuung geäußert haben. Den Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung, der von über 200 Experten aus den Fachbereichen Kinder- und Jugendlichen Psychotherapie, Medizin, Neurobiologie und Pädagogik unterzeichnet wurde, hebt er besonders hervor. Dann stellt er die maßgeblichen Krippenstudien vor, wie die NICHD-Studie, die Wiener Krippenstudie und die NLSCY-Längsschnittstudie mit den wesentlichen Ergebnissen, die bei differenzierter Betrachtung nicht für das Wohl der Kleinstkinder sprechen.

Diese negativen Ergebnisse unterstreicht er im Weiteren, in dem er Aussagen von namhaften Experten über mehrere Seiten zitiert. Dazu gehören der Kinderarzt Rainer Böhm, die Psychoanalytikerin Ann Kathrin Scherer, die ProfessorInnen Eva Rass und Veronika Verbeek, die Bildungsforscher Klaus Zierer und Walter Dorsch. Hieraus zieht Aloys Gelhaus den Schluss, dass eine frühe Krippenbetreuung für die Unterzweijährigen nicht verträglich sein kann.

Anschließend prüft der Autor, ob das Familienförderungssystem mit der institutionellen Betreuung der Kleinstkinder unserer Rechtslage entspricht. Viele Eltern haben heute keine Wahl mehr und müssen ihre Kinder aus finanziellen Gründen früh in die Krippe geben, weil ein Gehalt für den Unterhalt der Familie nicht mehr reicht. Gleichzeitig haben Eltern aufgrund unseres Grundgesetzes Artikel 6 das Recht und die Pflicht, ihre Kinder zu erziehen. Ebenso stehen Ehe und Familie unter dem besonderen Schutz des Staates. Um dem gerecht zu werden, fehlen vielen Eltern die finanziellen Möglichkeiten, ihre Kinder in den ersten zwei bis drei Jahre selbst zu erziehen. Deshalb müssen sie ihre Kleinstkinder früh und zeitlich lange fremdbetreuen lassen. Diesen Widerspruch analysiert Aloys Gelhaus unter weiteren Gesichtspunkten wie z.B. die Ungerechtigkeit der hohen staatlichen Förderung von Krippenplätzen gegenüber der fehlenden Förderung der familiären Betreuung über das erste Lebensjahr hinaus. Denn in dieser Zeit sind die Kinder psychisch noch sehr vulnerabel und die Primärbindung an die Eltern ist noch nicht abgeschlossen. Verschärfend kommt die weitgehend mangelhafte Betreuungsqualität in den Krippen hinzu, die sowohl die Kinder als auch die Fachkräfte überfordert. Dies dokumentiert Aloys Gelhaus ausführlich unter Bezugnahme auf unterschiedliche öffentliche Quellen aus den letzten drei Jahren. An vielen Beispielen zeigt er auf, wie die in allen genannten Studien festgestellte Stressbelastungen der Kleinsten das Kindeswohl gefährden. Diese komplexe Betrachtungsweise der Problematik führt zu der Erkenntnis, dass das Wohl der Kinder den arbeitsmarkt-, gleichstellungs- und haushaltspolitischen Zielen untergeordnet wird. 

Der Autor appelliert an die Entscheidungsträger auf allen politischen Ebenen, der Familienförderung wieder Vorrang einzuräumen gegenüber der derzeitig bevorzugten Förderung der außerhäuslichen Betreuung der Kleinstkinder. Das gute Aufwachsen der Kinder in den ersten Jahren kann die Familie am besten gewährleisten. Wenn dies gelingt, hat das positive Auswirkungen auf die ganze Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen und damit auch auf die Gesellschaft. 

Diskussion

Auch wenn die vorliegende Arbeit nicht von einem Wissenschaftler verfasst wurde, sind alle Aussagen des Autors durch wissenschaftlich korrekte Belege gesichert. Dass die hier dargestellte andere Sicht der frühen Krippenbetreuung in der Fachöffentlichkeit nicht wahrgenommen wird, schränkt die Aussagekraft des Buches keineswegs ein. Im Gegenteil, das Buch ist besonders den Eltern zu empfehlen, die nicht aus finanzieller Not die Kinder fremdbetreuen lassen müssen. Denn diese werden aufgrund der öffentlichen Meinung und den meinungsbildenden Experten mit dem Versprechen einer umfassenden Bildung der Kinder in den Krippen gedrängt, ihre Kinder früh fremdbetreuen zu lassen. Hierzu gibt es zweifelhafte Aussagen in der Fachöffentlichkeit (Dreyer et.al. 2025), wo die eher positiven Ergebnisse einer frühen Bildung in den Krippen für die Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen, wie Heckmann diese mit den Preschool-Studien herausgefunden hat (Heckmann 2019), auf alle Kinder übertragen werden. In den meisten Studien wird hin und her laviert zwischen den Vorteilen für die benachteiligten Kinder und Null-Ergebnissen für die nicht benachteiligten (z.B. Kluczniok, K. et.al. 2014, Expertise Pädquis-Stiftung, S. 2). Zu den Auswirkungen auf die spätere Bildungslaufbahn der Kinder fehlen im nationalen Kontext weitgehend belastbare Befunde. International finden sich eher uneindeutige Hinweise (ebd.) Die zahlreichen Studien über Verhaltensauffälligkeiten der Kinder aus bildungsnahen Familien aufgrund einer zu frühen und zu langen Fremdbetreuung werden von Kindheitsexperten jedoch vollständig ignoriert. 

Darüber hinaus ist das Buch wichtig für die familienpolitisch Tätigen auf allen demokratischen Ebenen, die Entscheidungen für weitere Krippenplätze zu treffen haben. Die im vorliegenden Buch dargestellten Erkenntnisse und Studienergebnisse sind geeignet, ein Bewusstsein für die Probleme der Kleinsten zu entwickeln und mehr Verantwortung für solche Entscheidungen zu übernehmen. Denn unsere Demokratie kann nur weiterhin bestehen, wenn möglichst viele Kinder eine psychisch stabile Persönlichkeitsentwicklung erreichen, für die in den frühen Jahren in erster Linie die Familien sorgen (Heckmann 2019).

Fazit

Das Buch verschränkt die familienpolitische Sichtweide der frühen Fremdbestreuung mit dem psychischen Wohl der Kinder unter zwei Jahre und ist damit eine wichtige Entscheidungshilfe für Eltern und FamilienpolitikerInnen.

Literatur:

Dreyer, R., Cloos, P., Hogrebe, N. & Kaul, I. (2025) Memorandum zur frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland. Alice Salomon Hochschule Berlin. https://doi.org/10.58123/aliceopen-794

Heckmann, J.J. & Karapakula, G. (2019) Intergenerational an Intragenerational Exemalities of the Perry Preschool Project. NBER Working paper No. 25889. https://doi.org/10.3386/w25889

Kluczniok, K. et. al. (2024) Pädquis-Stiftung, Expertise „Auswirkungen von Kindertagesbetreuung auf die kindliche Entwicklung“.

Dr. Erika Butzmann, Wildeshausen
Entwicklungspsychologin
Erziehungswissenschaftlerin
Elternbildung und -beratung